Wie Künstliche Intelligenz den Wiener Arbeitsmarkt umgestaltet

Hintergrundwissen

Wird mein Job in fünf Jahren noch so aussehen wie heute? Diese Frage beschäftigt angesichts der rasanten Verbreitung Künstlicher Intelligenz (KI) viele Beschäftigte und auch am Wiener Arbeitsmarkt ist KI längst angekommen: 2025 nutzten bereits über 37 % der Wiener Unternehmen Künstliche Intelligenz. Die Antwort auf obige Frage fällt differenzierter aus, als KI-Jobkiller-Schlagzeilen vermuten lassen. Bei deutlich mehr Beschäftigten verändert sich eher, wie und womit sie arbeiten. Diese Hintergrundanalyse zeigt, wie stark Wien betroffen ist, wer besonders unter Druck gerät und welche Kompetenzen wichtig sein werden.

KI in Wiener Unternehmen

Die Zahlen sind eindeutig, KI ist in der österreichischen Arbeitswelt angekommen. In Wien nutzten 2025 37 % der Unternehmen KI, österreichweit waren es 30 %. Besonders häufig setzten Wiener Unternehmen Texterkennung und Textverarbeitung (78 %) ein.

Ein Blick auf die Betriebsgröße zeigt Unterschiede. Österreichweit nutzten 68 % der Großunternehmen im Jahr 2025 KI, aber nur 45 % der mittleren und 26 % der kleinen Unternehmen. Für Wien liegt diese Auswertung nicht vor. Gerade für die Frage, ob kleinere Betriebe Schritt halten können, wäre sie wichtig.

Wie stark sind Beschäftigte exponiert?

Wie sieht es auf Ebene der Beschäftigten aus? Laut der MA 23, der für Wirtschaft und Statistik zuständigen Magistratsabteilung der Stadt Wien, könnten 70 % der Wiener Erwerbstätigen zwischen 25 und 54 Jahren verstärkt mit KI in Berührung kommen.  Im restlichen Österreich sind es rund 57 %.

Wien ist von der Entwicklung also stärker betroffen als der Rest des Landes.  Für die Fachkräftesicherung braucht Wien daher nicht weniger Arbeitskräfte, sondern schneller angepasste Kompetenzprofile.

Zwei Frauen sitzen an einem Schreibtisch und arbeiten gemeinsam an einem PC.
KI lässt nicht unbedingt ganze Berufe verschwinden, sondern ändert oft die Tätigkeiten.

Berührung mit KI bedeutet nicht gleich Jobverlust

Was bedeutet KI-Berührung konkret? Die MA23-Studie unterscheidet zwischen Substitutions- und Produktivitätspotenzialen, also der Möglichkeit, dass Arbeit durch KI entweder ersetzt oder effizienter wird.

  • Substitutionspotenziale liegen bei rund 27 % der Wiener Erwerbstätigen, davon bei rund 7 % in erhöhtem Ausmaß. Darunter fallen beispielsweise Büro- und Sekretariatskräfte.
  • Produktivitätspotenziale betreffen rund 43 %, davon rund 7 % in hohem Ausmaß, wie Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie Führungskräfte.

Entscheidend dabei ist, dass diese Zahlen Potenziale bezeichnen, keine Vorhersagen. Sie können nicht aussagen, ob Jobs oder Tätigkeiten tatsächlich wegfallen. Die Studie misst lediglich, welche Aufgaben mit KI in Berührung kommen könnten und somit das Potential bergen, durch KI ersetzt zu werden.,

Die Erkenntnis ist dennoch bedeutsam. KI ersetzt nicht zwingend ganze Berufe, sondern verändert Aufgabenbereiche. Wer Daten auswertet, Texte verfasst, Standardantworten formuliert oder Routinekalkulationen durchführt, wird in diesen Tätigkeiten durch die KI unterstützt, oder gerät mit ihr in Konkurrenz. Wer hingegen Menschen berät, Teams führt, kreative Lösungen entwickelt oder komplexe Verhandlungen führt, ist weniger ersetzbar. Das bestätigt auch der AMS-Bericht „Arbeitsmarkt 2030“, der analysiert, inwiefern Berufsfelder vom Technologieeinsatz profitieren, davon wenig betroffen sind oder dadurch ersetzt werden.

Entscheidend ist, ob Beschäftigte KI als Werkzeug sinnvoll nutzen können, um Produktivitätspotentiale zu nutzen.

Frauen: höheres Ersetzungspotenzial, geringere KI-Nutzung

Die Auswirkungen von KI sind ungleich verteilt. Die MA23-Studie zeigt, dass Frauen in Wien mit 28 % stärker von Substitutionspotenzialen betroffen sind als Männer mit rund 18 %. Ein Grund dafür liegt in der geschlechtsspezifischen Verteilung auf Berufe und Tätigkeiten. Frauen arbeiten häufiger in administrativen und kognitiv-routinisierten Tätigkeiten arbeiten, die ein höheres Substitutionspotenzial aufweisen.

Auch die berufliche KI-Nutzung zeigt eine Lücke: Laut der Statistik Austria nutzten im Jahr 2024 rund 58 % der Männer und rund 50 % der Frauen KI in Österreich, auf Wienebene gibt es bis dato keine Auswertung. Frauen sind damit doppelt im Nachteil: Sie sind stärker vom Wandel betroffen und verfügen aber seltener über die entsprechende Erfahrung mit KI

Expertise entscheidet, wer profitiert

Nicht alle profitieren gleichermaßen. Eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2025 zeigt auf Basis deutscher Daten, dass Beschäftigte mit hoher fachlicher Expertise vom Technologieeinsatz stärker profitieren. Sie verzeichnen ein Plus von rund 400 Euro pro Jahr. Beschäftigte ohne diese Expertise erleiden hingegen leichte Verluste. Das Problem an dieser Schieflage ist außerdem, dass nur 16 % der Vollzeitbeschäftigten zu dieser Expert*innengruppe zählen. Die positiven Effekte konzentrieren sich demnach auf eine kleine Minderheit.

Für die Fachkräftesicherung müssen diese Ungleichheiten mitgedacht werden. Wer bereits vom Einsatz von KI profitiert, braucht andere Maßnahmen als jene, die gefährdet sind.

Vier junge Menschen sitzen nebeneinander und warten auf ein Bewerbungsgespräch.
Rund 17 % der Beschäftigten in KI-Entwicklungsrollen verlassen Österreich.

Welche Kompetenzen künftig zählen

Der Wandel betrifft Aufgaben, und damit verschiebt sich auch der Kompetenzbedarf. Aus den vorliegenden Befunden lassen sich drei Richtungen ablesen:

  • Kognitive Routinetätigkeiten verlieren an Gewicht. Recherche, Textverarbeitung, Standardkorrespondenz und einfache Auswertung übernimmt zunehmend KI.
  • Menschennahe und gestaltende Kompetenzen gewinnen an Bedeutung: Beratung, Führung, kreative Problemlösung und Verhandlung. Der kompetente Umgang mit KI wird selbst zur Grundkompetenz. Österreich verfügt mit DigComp 3.0 AT über einen nationalen Referenzrahmen, der digitale Kompetenzen, einschließlich Grundkompetenzen im Umgang mit KI, auf verschiedenen Niveaustufen beschreibt.

Fachkräfte von morgen: Ohne Junior kein Senior

Eine besondere Herausforderung betrifft Berufseinsteiger*innen. Viele der Tätigkeiten, die KI besonders gut übernehmen kann, wie einfache Datenrecherche und Routineauswertungen, sind genau die Aufgaben, durch die Neueinsteiger*innen lernen. Sie sind das Übungsfeld, in dem Berufsanfänger*innen sich Wissen aneignen, Abläufe verstehen und Selbstbewusstsein aufbauen. Wenn diese Tätigkeiten von KI übernommen werden, entfällt ein wichtiger Teil beruflichen Lernens.

Aus Fachkräftesicherungsperspektive dürfen nicht nur aktive Weiterbildung, sondern auch Lernfelder im Job erhalten bleiben. Wenn Berufseinsteiger*innen keine Aufgaben mehr haben, an denen sie wachsen können, entsteht eine Einstiegslücke, die sich später nicht mehr schließen lässt. Denn nur aus einem Junior kann später ein Senior werden.

Wiedereinstieg: Automatisierungsrisiko erschwert die Jobsuche

Auch für den  Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt gibt es Auswirkungen durch die KI. Höheres Automatisierungsrisiko senkt die Wahrscheinlichkeit, nach einer Phase der Arbeitslosigkeit wieder eine Beschäftigung zu finden. Arbeitsmarkttraining mildert diesen Effekt ab, wirkt aber im Zeitverlauf weniger. Für Angebote der Arbeitsmarktpolitik muss Qualifizierung früh ansetzen.

Die andere Seite: Wien und Österreich verlieren KI-Talente

Der Arbeitsmarktwandel zeigt sich auch in der Angebotsseite. Österreich verliert KI-Fachkräfte ins Ausland. Der Bericht „Austria’s AI Workforce 2026“ der Wirtschaftsuniversität Wien zeigt, dass rund 17 % der Beschäftigten in KI-Entwicklungsrollen Österreich verlassen. Bei Fachkräften im Bereich generativer KI und Sprachverarbeitung liegt die Abwanderungsrate sogar bei über 23 %. 44 % der Abwanderungen erfolgen bereits im ersten Jahr, also genau in der Phase des Berufseinstiegs. Wien muss also nicht nur KI-Kompetenz aufbauen, sondern auch jene Arbeitskräfte halten, die sie entwickeln.

Handlungsoptionen für die Arbeitsmarktpolitik

Die Herausforderungen sind groß, aber nicht unlösbar. Aus den Befunden lassen sich konkrete Handlungsfelder ableiten:

(alle Beschäftigten, besonders jene mit Substitutionspotenzial) DigComp 3.0 AT bietet eine Grundlage für zielgruppengerechte Weiterbildung, die an die Bedürfnisse unterschiedlicher Beschäftigtengruppen anpasst.

Wenn Routinetätigkeiten als Lernfelder verschwinden, müssen neue Lerngelegenheiten geschaffen werden — etwa durch Mentoring-Programme, begleitete KI-Nutzung in der Einarbeitung oder strukturierte Einstiegsqualifizierungen, die KI-Berührung nicht vermeiden, sondern didaktisch einbetten. Der waff bietet hier mit Jobs PLUS Ausbildung, dem Wiener Ausbildungsgeld und dem Fachkräftestipendium bereits wirksame Ansätze.

Kleine Betriebe brauchen niederschwellige Zugänge zu KI-Kompetenz — etwa durch Beratung, geförderte Pilotprojekte oder gemeinsame Weiterbildungsangebote. Die waff-Förderung „Innovation und Beschäftigung“ ist ein Instrument, das genau hier ansetzt.

Weil Frauen stärker von Substitution betroffen sind und KI seltener nutzen, sollte KI-Qualifizierung gezielt auf sie zugehen.

Die Einbindung der Belegschaft in Entscheidungen über KI-Einsatz fördert Akzeptanz und Vertrauen. Das vom BMWET vorgeschlagene KI-Observatorium für den österreichischen Arbeitsmarkt könnte ein systematisches Monitoring schaffen, das frühzeitig Risiken und Chancen sichtbar macht. Auch das A-KI-A-Projekt der Universität Graz im Auftrag der Arbeiterkammer Wien, das Auswirkungen KI-gestützter Systeme auf die Arbeitsgestaltung untersucht, leistet hier einen wichtigen Beitrag.

Fachkräftesicherung heißt: den Wandel aktiv gestalten

Künstliche Intelligenz verändert die Wiener Arbeitswelt nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt. Die Zahlen sind eindeutig: Wien ist stärker exponiert als der Rest Österreichs, die Effekte sind ungleich verteilt, und mit den Einstiegsaufgaben geraten ausgerechnet die Lernfelder der Kommenden unter Druck.

Damit lautet die Frage nicht, ob Jobs verschwinden, sondern wie es gelingen kann, Beschäftigte, Berufseinsteiger*innen und Betriebe angemessen zu qualifizieren. Die Antwort liegt nicht in der Technologie, sondern in der Gestaltung. Digitale Kompetenzen zielgruppengerecht vermitteln, Berufseinstiege absichern, KMU unterstützen, Diversität stärken und Mitbestimmung ernst nehmen — das ist die gesamtgesellschaftliche Agenda Fachkräftesicherung im Zeitalter der KI bedeutet nicht, Arbeitsplätze zu erhalten, wie sie sind. Sie bedeutet, Menschen zu befähigen, mit den veränderten Aufgaben Schritt zu halten. Denn die Jobs von morgen entstehen nicht von selbst. Sie entstehen, wenn wir sie gestalten.

Stand 09/2026