„Was heute mit KI ergänzt wird, wird morgen durch KI ersetzt“

Interview

Die Ökonomin Ljubica Nedelkoska erforscht am Complexity Science Hub, wie neue Technologien Berufsbilder und die Arbeitswelt verändern. Ein Gespräch über bedrohte Einstiegsjobs, über die Frage, wann Umschulung gelingt – und darüber, warum eine Maschinensteuer im Alleingang nicht funktionieren würde.

Viele Menschen fürchten den beruflichen Einsatz von KI-Technologien, weil sie sich damit selbst überflüssig machen könnten. Was ist da dran?

Da machen wir einen Denkfehler. Was wir aus früheren Umbrüchen gelernt haben – nicht erst durch die Computerisierung, sondern etwa bereits bei der Mechanisierung der Landwirtschaft: Menschen und Branchen, die neue Technologien früh adaptieren, geht es besser. Sie ersetzen zum Beispiel einen Teil der Aufgaben und werten den ganzen Rest auf. Als Computer gut in statistischen Aufgaben wurden, haben wir allerdings nicht aufgehört, Statistiker*innen zu brauchen. Die Nachfrage ist gestiegen, und mit der Datenwissenschaft ist ein ganz neues Berufsfeld entstanden. Wer da nicht mitgeht, wird dagegen aus dem Markt gedrängt. Um nochmals an die Landwirtschaft zu denken: Wenn ein Mähdrescher in einer Stunde die Arbeit von 400 Menschen schafft – wollen Sie dann die Person sein, die ihn lenkt, oder wollen Sie lieber einen Hof mit 400 Arbeitskräften betreiben?

Wir hatten historisch schon einige technologische Umbrüche. Was machen die Technologien der Künstlichen Intelligenz anders?

Ich denke da an zwei Faktoren. Erstens die Breite der Aufgaben: KI ist im Grunde ein Auswuchs des Computers, aber viel breiter aufgestellt. Zweitens das Tempo: Die Leistung von Computerchips hat sich lange etwa alle zwei Jahre verdoppelt. Die Rechenleistung, die in das Training der führenden KI-Modelle fließt, verdoppelt sich heute etwa alle sechs Monate. Beim Computer konnte man sagen: Er ersetzt dies, und jenes ergänzt er. Bei der KI kann aber das, was sie heute ergänzt, schon morgen ersetzt werden. Wir haben z.B. im Jänner 2026 eine Veranstaltung für Juni geplant und dachten uns, es werde darum gehen, wie man KI-Analysen überprüft. Bis Juni schlugen die Spitzenmodelle solche Überprüfungen schon selbst vor und führten sie teilweise gleich selbst durch.

Ljubica Nedelkoska erforscht, wie neue Technologien die Arbeitswelt verändern

Welche Jobs sind konkret bedroht?

Die Hinweise verdichten sich, dass es vor allem Einstiegsjobs trifft. Studien zeigen, dass junge Berufseinsteiger*innen in Programmierarbeiten und im Kundenservice betroffen sind. Gefährdet sind aber auch Tätigkeiten wie juristische Assistenz, wissenschaftliche Hilfstätigkeiten oder Junior-Analysen in der Finanzbranche, weil sie aus genau jenen Routineaufgaben bestehen, die KI gut beherrscht.

Sie verstehen die berufliche Vielfalt als eine Art Landkarte, auf der fachlich verwandte Tätigkeiten nebeneinander liegen. Warum ist das entscheidend?

Weil es bei der Bedrohungsanalyse der KI darum geht, wo sich die Betroffenheit ballt. Wenn KI zum Beispiel alle Bereiche bedroht, die stark mit kreativem Schreiben zu tun haben, dann wird es zu einer Massenverdrängung kommen – es gelingt den Menschen nicht so leicht, in einen verwandten Beruf auszuweichen, weil auch dieser bedroht ist. Wenn nur ein Teilaspekt eines Berufes bedroht ist, dann kann man mit geringerem Aufwand in einen anderen Beruf wechseln.

Wissen wir, wo Österreich auf dieser Karte steht?

Nein, leider. Man bräuchte dreierlei Datenmaterial: Wie wahrscheinlich es ist, dass Menschen in einem Beruf mit KI zu tun bekommen – international wissen wir das halbwegs, für Österreich nicht. Zweitens die tatsächliche Anwendung, die man für Firmen messen kann, nach Berufen aber nicht kennt. Und drittens: Was tun Menschen wirklich, was können sie darüber hinaus – und wie weit ist das vom Rest der definierten Berufe entfernt. Wenn Ihr Beruf schrumpft, Sie aber in verwandte Berufe gehen können, ist das kein großes Problem – es braucht einen Übergang, vielleicht eine Umqualifizierung. Genau da setzt z.B. auch der waff an.

Wie messen Sie überhaupt, wie weit Berufe voneinander entfernt sind?

Wir erfassen die konkreten Aufgaben, die Menschen im Job erledigen. Als Journalist denken Sie viel, konzipieren, schreiben, reden mit Menschen, lesen – das alles sind unterschiedliche Aufgaben. Wie leicht eine Umqualifizierung in einen bestimmten anderen Beruf fällt, sehen wir an der Überlappung dieser Aufgaben. Dabei gibt es eine Asymmetrie, weil man dieselben Aufgaben auf sehr unterschiedlichem Niveau ausüben kann: Vom persönlichen Blog in die Wissenschaftsredaktion zu wechseln ist schwerer als umgekehrt. Und wir Menschen können normalerweise mehr, als wir in der Arbeit tun. Wer sich nur über die Aufgaben im Job definiert, schränkt sich ein. Wer sich jedoch über sein breiteres Können definiert, hat einen viel größeren Möglichkeitsraum.

Was entscheidet dann noch darüber, ob eine Umschulung stattfindet?

Es ist immer auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung. In Europa brauchen Sie für vieles eine formale Qualifikation. Die kostet nicht unbedingt viel Geld, weil vieles öffentlich gefördert ist. Aber sie kostet Zeit – und in dieser Zeit arbeiten Sie nicht. Die Frage lautet also: Wie lange werde ich dann im neuen Beruf noch arbeiten, damit sich zwei, drei Jahre Einkommensverzicht bzw. -einbruch rechnen? Mit Mitte zwanzig ist das einfach, da haben Sie vierzig Jahre vor sich. Mit fünfzig haben Sie vielleicht noch fünfzehn Jahre bis zur Pension. Geld ist dabei aber natürlich nicht das einzige Motiv, auch Zufriedenheit und sozialer Status spielen hinein.

Wer sich nur über die Aufgaben im Job definiert, schränkt sich ein. Wer sich jedoch über sein breiteres Können definiert, hat einen viel größeren Möglichkeitsraum.

Ljubica Nedelkoska

Reicht es als Anreiz, wenn irgendwo neue, gut bezahlte Jobs entstehen?

Nein, und das ist empirisch gut belegt. Ich habe die Computerisierung in den USA untersucht. Als Frauen aus der Sekretariats- und Büroarbeit verdrängt wurden, gingen sie in professionelle Berufe – Wirtschaft, Finanzen, Medizin. Das waren ebenfalls Bürojobs, fachlich verwandt und kulturell ähnlich. Männer wurden im selben Zeitraum aus der manuellen Maschinensteuerung verdrängt. Sie gingen nicht in diese professionellen Berufe, obwohl diese wuchsen und gut bezahlt waren, sondern eher in gering qualifizierte Dienstleistungsjobs, für die es keine aufwändige Qualifizierung brauchte. Und selbst, wenn die Nachfrage irgendwo anzieht, kann realistisch nur ein Teil der Beschäftigten dorthin wechseln.

In welchen Bereichen wirkt KI eher weniger bedrohlich?

KI ist fantastisch in Mathematik und Wissenschaft – die Spitzenmodelle lösen heute sämtliche Aufgaben der Internationalen Mathematik-Olympiaden. Schwach ist sie bei schlecht definierten, vielschichtigen Tätigkeiten – wo ein Teil Interpretation ist, ein Teil Erzählung, ein Teil vielleicht therapeutisch. Sie bedroht in dem Sinn eher nicht die Kindergartenpädagogik, die Bereiche Schule und Pflege. Robotik-unterstützte Pflege kann ich mir zwar vorstellen, eine großflächige Verdrängung aber nicht.

Und welche Jobs entstehen neu?

Das ist wirklich schwer zu sagen, fragen Sie mich gerne in einem Jahr noch einmal. Wir werten gerade Daten aus Stellenanzeigen aus, um sich entwickelnde Tätigkeiten zu erkennen – um zu sehen, wo Neues entsteht und welchen Berufen es nahe ist. Das sieht man nur mit hochfrequenten Daten, die darlegen, wo die Wirtschaft nicht nur neue Jobtitel erzeugt, sondern neue Aufgaben. Was ich heute sagen kann: Es bleibt sehr viel Arbeit übrig in Bereichen wie Altenpflege, soziale Dienste, Medizin. Die harte Frage lautet: Wie verschiebt man den Wert? Die Wirtschaft schafft Wertschöpfung im Technologiesektor – gebraucht werden die Menschen allerdings in weniger gut bezahlten Dienstleistungen.

In Österreich ist Arbeit hoch besteuert, Technologien nicht. Über eine Maschinensteuer wird alle paar Jahre diskutiert – und sie wird jedes Mal abgetan. Warum?

Vom Bruttolohn inklusive Dienstgeberbeiträgen gehen in Österreich etwa 47 Prozent an Steuern und Abgaben weg, mehr als die  Hälfte aller Steuereinnahmen kommt aus dem Faktor Arbeit. Maschinen besteuert dagegen niemand, sie werden sogar gefördert. Der Grund ist ganz einfach: Wettbewerb – und der Umstand, dass Technologie nie nur Ersatz für Arbeit war, sondern zugleich der Hauptgrund, warum wir heute als Gesellschaft wohlhabend sind.

Eine junge Frau programmiert an einem PC.
Unter anderem werden Programmieren und Kundenservice auf lange Sicht durch KI ersetzt.

Und wenn Österreich es trotzdem täte?

Brechen wir es auf ein einfaches Beispiel runter: Wenn ich hier Traktoren besteuere, werden weniger gekauft. Tut Deutschland das nicht, werden dort mehr eingesetzt, deutsche Agrarprodukte werden billiger und in Österreich importiert – die heimische Landwirtschaft wird aus dem Markt gedrängt. Die Produkte der Arbeit, von der Sie dachten, Sie hätten sie gerettet, werden dann von der ausländischen Konkurrenz verdrängt. Das gilt für alle Sektoren: Die Bedingungen für Besteuerung setzen wir nicht allein, sondern immer im globalen Wettbewerb.

Wären Zölle ein Weg?

Zölle treffen nicht nur, was wir als Konsumenten kaufen, sondern auch die Vorleistungen für unsere eigene Produktion, die ausländischen Rohstoffe. Man sieht das in den USA beim Stahl: Jede Branche, die Stahl verwendet, wurde weniger wettbewerbsfähig.

Was bliebe dann?

Es bliebe, nicht die Technologie zu besteuern, sondern die Gewinne, die sie erzeugt. Menschen kann man nicht verschieben, deshalb besteuert man sie so leicht. Kapital kann man verschieben, in dem man den Firmensitz verlegt. Deshalb braucht es eine globale Koordination. Die Mindeststeuer von 15 Prozent auf Konzerngewinne hat dem Wettlauf nach unten erstmals eine Grenze gesetzt.  Daran kann man schrauben. Wir setzen Technologien ja ein, um Gewinne zu erzielen – also besteuern wir doch dieses Wachstum, denn es kommt jetzt vom Kapital und nicht mehr von der Arbeit.

Sie haben auch schon mal einen Staatsfonds ins Spiel gebracht, ähnlich wie Norwegen beim Öl. Könnte das für Österreich funktionieren?

Eine typische österreichische Familie lebt von einem Lohn und dem Versprechen einer Pension – beides hängt an der Arbeit. Wenn Automatisierung den Anteil der Arbeit an der Wertschöpfung senkt, kommt mehr Wert aus Kapital. Die Frage ist also, wie Bürgerinnen und Bürger an diesen Kapitalerträgen teilhaben. In den USA fallen die KI-Gewinne im Inland an – dort kann der Staat sie direkt abschöpfen und in einen Staatsfonds lenken. Österreich muss sich am Kapital im Ausland beteiligen – etwa über einen öffentlichen, weltweit investierenden Pensionsfonds, wie ihn Schweden hat.

Stand 09/2026