Die Maschine misst, der Mensch entscheidet

Best Practice

Das Wiener Startup Senseven hört mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz in Industrieventile hinein, um Defekte zu erkennen und Arbeitsunfällen vorzubeugen. Wofür man früher eine umfassende Expertise brauchte, wird auf Basis der Senseven-Software auch für technische Laien rasch zugänglich. Das international erfolgreiche Unternehmen zeigt, wie vielschichtig KI die Arbeit verändert: Sie entlastet Fachkräfte, verschiebt die Anforderungen hin zu digitaler Kompetenz – übernimmt aber auch zunehmend einfache Aufgaben, die bisher den Einstieg ins Berufsleben ebneten.

Vom Trubel der Einkaufsstraße bleibt im Hinterhof der Mariahilfer Straße 101 nur ein fernes Rauschen. Vierter Stock, ein helles Büro, junge Leute mit Kopfhörern vor Computer-Bildschirmen. Was den Blick sofort fängt, sind die Landkarten an den Wänden. Sie sind gespickt mit Pins, die zeigen, wo Sensevens Technologie im Einsatz ist: Es sind Offshore-Plattformen vor Norwegen sowie Unternehmen in Kuwait und Oman, in Spanien, Südafrika, Nigeria. Die Exportquote von Senseven liegt bei 95 Prozent, das „Valve Sense“-System ist in mehr als 50 Ländern im Einsatz.

Anna Maria Grausgruber hat Senseven 2021 mitgegründet und gehört als Chief Growth Officer zum dreiköpfigen Managementteam – zusammen mit Geschäftsführer Michael Hettegger und CTO Nikola Toljić. Technikerin ist sie selbst keine, sondern verfügt über einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund. Erklären kann sie „ihre“ Technik natürlich trotzdem – am liebsten direkt am Objekt.

Hören, was niemand sieht

Auf einem Tisch im Besprechungszimmer steht ein Modell, etwa 40 mal 40 mal 30 Zentimeter groß: Rohrleitungen, ein Ventil, ein Durchflussmesser. Grausgruber setzt einen Sensor an, der per Kabel an ein massives Smartphone angeschlossen ist. „Wir nennen es ein digitales Stethoskop“, sagt sie. Der Schallemissionssensor misst Körperschall – „also das, was im Objekt drinnen passiert“. Die App fragt zunächst ab: Welches Medium fließt durch – Gas, Öl, Wasser…? Wie hoch ist der Druck? Welcher Ventiltyp, welche Größe? Dann führt sie am Smartphone Schritt für Schritt durch die Messung, während im Hintergrund die Analysen mitlaufen. Am Ende steht das Ergebnis: Schließt das Ventil, ist es dicht oder undicht?

v.l.n.r.: Michael Hettegger CEO, Anna Grausgruber CGO, Nikola Toljić CTO, _1 (c)_DI Johann Szebeni

„In einer großen Industrieanlage stecken mitunter viele tausende Ventile“, erklärt Grausgruber. Sicherheitsventile etwa öffnen sich bei Überdruck, damit es nicht zu einer Explosion kommt. Ob ein geschlossenes Ventil intern aber wirklich dicht ist, weiß niemand: „Man hört das nicht, man sieht das nicht, man riecht das nicht, weil es innerhalb eines geschlossenen Kreislaufs passiert.“ Gefährlich wird es, wenn z.B. ein Leitungsabschnitt für Schweißarbeiten gesperrt wird und trotz vermeintlich dichter Ventile Gas durchströmt. Aber was misst die Senseven-Technologie? Grausgruber: „Läuft Gas unter hohem Druck durch einen winzigen Spalt, entstehen turbulente Strömungen, deren Frequenz weit über dem hörbaren Bereich liegt.“ Und die auch eindeutig von extern verursachten Vibrationen – etwa durch industrielle Maschinerien oder nahen Verkehr – zu unterscheiden sind. „Genau diese Frequenzen sucht der Algorithmus.“

Die Kurvenleser*innen gehen in Pension

Früher gab es zwei Wege: Entweder wurde das Ventil ausgebaut, was Stillstand bedeutet. Oder die zuständigen Expert*innen werteten Messsignale am Computer aus – Kurvendiagramme, ähnlich wie bei einem EKG. In jedem Fall brauchte es dafür aber spezielle Fachkräfte mit entsprechendem Know-how und Erfahrung – was immer öfter einen Engpass bedeutete, mal ganz abgesehen vom zeitlichen Faktor. Senseven vereinfacht solche Wartungsszenarien in jeglicher Hinsicht: „Jeder kann unser System nach einer kurzen, einfachen Schulung zuverlässig nutzen.“ Die Anwender*innen lernten das ursprünglich direkt vom Senseven-Team. Das immense Interesse der Industrie und das rasche unternehmerische Wachstum machten jedoch andere Vermittlungswege notwendig. Produktvorführungen werden natürlich noch vom Menschen und vor Ort durchgeführt. Die Mitarbeitenden, die Valve Sense schließlich anwenden sollen, lernen mittlerweile jedoch online: Über Videos, auf deren Basis ein Test bestanden werden muss – und für den es auch ein Zertifikat von Senseven gibt.

Die Hardware, auf der Valve Sense läuft, kauft das Unternehmen zu und vertraut dabei auf die Produkte von i.safe MOBILE. Dessen System ist für explosionsgefährdete Bereiche zertifiziert, wie Grausgruber betont: „Denn in eine Raffinerie darf man z.B. kein normales Handy mitnehmen.“ Nach der Unternehmensgründung 2021, mitten in der Hochphase der Corona-Pandemie, wurde bereits Ende 2023 das erste zertifizierte System verkauft: Das i.safe-Gerät samt einer Jahreslizenz für die Software von Senseven liegt in Europa im mittleren fünfstelligen Euro-Bereich. Für einen Betreiber der entsprechenden Anlagen ein Klacks – „bei zwei, drei entdeckten Lecks hat sich das bereits gerechnet“ –, als Kalkulationsbasis für ein so junges Unternehmen wie Senseven ist das allerdings ein ordentlicher Betrag. Umso mehr, als das Einsatzgebiet relativ spitz ist und das Kundensegment von Beginn an über die österreichischen Grenzen angesteuert werden muss.

Ich denke, das ist die allgemeine Entwicklung: Einfachere Aufgaben macht immer öfter die KI, während die Seniors mit ihrer Erfahrung überprüfen, ob die Ergebnisse Sinn machen

Anna Maria Grausgruber

Schätzen, ordnen, entscheiden

Mit Sprachmodellen wie ChatGPT hat die Künstliche Intelligenz von Senseven übrigens nichts zu tun. Es handelt sich bei der Software vielmehr um ein so genanntes „Regressionsmodell“, trainiert mit tausenden Messreihen von Prüfständen aus Industrie und der Hochschulforschung. „Wir verwandeln ein aus Körperschall entstehendes akustisches Signal in eine Volumeneinheit um.“ So lässt sich etwa feststellen, wie viel Gas pro Minute an einem Ventil durchfließen. „Diese Quantifizierung kann nur eine Schätzung sein.“ In der überwiegenden Mehrheit der Fälle sei das jedoch ausreichend. Ohnehin gehe es zunächst vielfach um die grundlegende Frage: Fließt nach dem Schließen eines Ventils überhaupt noch etwas – oder liegt der Durchfluss zuverlässig bei null?

Die Entscheidung, was auf Basis der Ergebnisse geschieht, bleibt beim Menschen: Muss das Ventil sofort getauscht oder nur für den nächsten Wartungsstillstand vorgemerkt werden? Die Zeitersparnis durch die Messung mit seinem System beziffert Senseven mit 95 Prozent pro Ventil im Vergleich zu herkömmlichen Prüfmethoden. Aber setzen die Betriebe jetzt das Fachpersonal frei – macht KI in dem Sinn den Menschen überflüssig? „Eigentlich haben die Unternehmen eher das Problem, dass viele Dinge gar nicht überprüft werden konnten, weil sie das fachlich versierte Personal nicht hatten und auch nicht aufstellen konnten.“ Prüfungen, die früher nur bei Verdacht stattfanden, werden nun zur Routine ausgebaut.

Die Technologie von Senseven nimmt den Menschen nun einen Teil der Arbeit ab und spielt sie frei, um eine größere Zahl an Inspektionen vorzunehmen als früher – oder auch, um weitere Kolleg*innen einzuschulen, die Technologie anzuwenden. Ein Beispiel, an dem ganz allgemein zu sehen ist: KI muss nicht unbedingt Arbeitsplätze bedrohen, um Prozesse zu verbessern. Sie übernimmt aber mitunter aufwendige Routinen und entlastet Arbeitnehmer*innen – und dies inkludiert HR und Management, wenn es um die Suche nach Fachkräften geht.

Wachsen ohne Einstiegsjobs

Im eigenen Unternehmen zeigt sich allerdings auch ein anderer Aspekt der KI-Revolution. Das Senseven-Team wurde zuletzt umgebaut, hin zu erfahreneren Kräften. „Ich denke, das ist die allgemeine Entwicklung: Einfachere Aufgaben macht immer öfter die KI, während die Seniors mit ihrer Erfahrung überprüfen, ob die Ergebnisse Sinn machen“, so Grausgruber. Genau darin liegt ein allgemeines Dilemma: Erfahrung entsteht durch jene einfacheren Aufgaben, die nun zunehmend die KI übernimmt. Ohne Juniors keine Seniors – und damit fehlen morgen genau die Fachkräfte, die KI-Ergebnisse kritisch prüfen können.

Senseven beschäftigt weiterhin Studierende, doch sie brauchen gezielte Anleitung. Man müsse sie heranführen, sagt Grausgruber, damit sie den Werkzeugen nicht blind vertrauen – denn auch die KI lerne nur aus dem, was sie irgendwo findet. „Dieses kritische Denken, glaube ich, ist wahnsinnig wichtig.“ Für sie ist das eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft: „Wir müssen uns überlegen, was wir mit der jungen Generation machen, die frisch von der Uni kommt – wie wir es schaffen, sie hineinzubringen, und wie wir sie entwickeln.“

Es werden Messungen an einem Rohr vorgenommen.
Die Wertschöpfung von senseven bleibt fast zur Gänze in Österreich.

Nische mit globalem Potenzial

Die Idee zur Gründung von Senseven kam übrigens von CEO Michael Hettegger, der mit dem Startup craftworks bereits KI-Projekte für die Industrie umgesetzt hatte – allerdings mit fremdem Datenmaterial. Diesmal sollte alles in der eigenen Hand liegen. Kennengelernt hatten sich Grausgruber und Hettegger, als craftworks einen Innovationswettbewerb von Wienerberger gewann, wo sie damals arbeitete; davor war sie bereits für die OMV tätig, hatte also einen Bezug zur angesteuerten Großindustrie. Die erste Marktrecherche während eines Corona-Lockdowns ergab den Eindruck einer „super Nische“: Weltweit gebe es de facto nur zwei Mitbewerber – deren Produkte teils aus den 1970er-Jahren stammen.

Heute zählen Shell, ADNOC oder auch der spanische Tanklagerbetreiber Exolum zur Kundschaft. 2024 und 2025 kürte EY Senseven zum Startup des Jahres in der Kategorie Industry & Deep Tech. Im März 2026 gewann Grausgruber in ihrer Heimat Vorarlberg den City-Pitch der #glaubandich-Challenge der Erste Bank, im April folgte in Wien der Gesamtsieg: Senseven ist das Startup des Jahres 2026.

Ein Drittel des Geschäfts entfällt auf die USA, wo Senseven bislang nur mit einem Partner arbeitet, weitere 60 Prozent auf den restlichen Globus. Die Wertschöpfung bleibt dabei praktisch zur Gänze in Österreich – entwickelt, verkauft und abgewickelt wird alles in Wien. Im Vorjahr lag der Unternehmensumsatz bei knapp 1,5 Millionen Euro – eine imposante Größe für ein so junges Unternehmen.

Von Jänner 2025 bis Jänner 2026 förderte der waff Senseven mit einer Innovationsassistenz im Rahmen des Projekts „Digitale Inspektion in Industrieanlagen mit Thermographie und KI“. Über die Förderung konnte ein Arbeitsplatz geschaffen werden, und die daraus entstandenen Daten fließen in „Valve Sense 2.0“ ein, das neben Ventilen auch Kondensatableiter prüfen soll – also Bauteile in allen Dampfprozessen, von der Stromerzeugung bis zur Lebensmittelindustrie. Entweicht dort Dampf, verpufft nämlich direkt Energie – und damit Wertschöpfung. Valve Sense 2.0 soll 2027 starten und erweitert das Geschäftsfeld von Senseven deutlich.

Auch mal digitale Pause machen

Welcher Beruf in 15 Jahren sicher ist, wagt Grausgruber, selbst Mutter von zwei kleinen Kindern, nicht vorherzusagen. „Das beschäftigt mich natürlich auch.“ Ihr Rat: neugierig bleiben, Dinge ausprobieren – und auch auf sich selbst achten. „Jeden Tag kommt ein neues Modell, jeden Tag kommt ein neues Tool.“ Man müsse auch bewusst wieder Pausen finden und dürfe das Digitale im Alltag auch mal aus der Hand legen.

Stand 09/2026