Arbeit, KI und die neue Rolle der Stadt

Thesen für eine progressive Arbeitsmarktpolitik

Mit der Etablierung von KI-Technologien geht ein tiefgreifender Strukturwandel einher, der mit einer einzigartigen Dynamik auch den Wiener Arbeitsmarkt verändert. Daraus ergibt sich ein Gestaltungsauftrag für die Wiener Arbeitsmarktpolitik, mit der zentralen Frage im Vordergrund: Wie kann die KI-Transformation so gestaltet werden, dass ihre Potentiale genutzt und berufliche Entwicklungsperspektiven sichergestellt werden?

Welche Rolle die Stadt Wien und der waff bei der Gestaltung des KI-Strukturwandels im arbeitsmarktpolitischen Handlungsraum übernehmen können, wird im Folgenden dargelegt.

Erste Evidenzen zum KI-Strukturwandel

Die empirische Evidenz über die Auswirkungen der Transformation ist bislang noch begrenzt. Aber es liegen bereits ernstzunehmende Hinweise vor, welche Aufgaben unter Druck geraten könnten. Im Unterschied zu früheren Transformationsprozessen sind es seit dem Aufkommen von ChatGPT (GenAI) Tätigkeiten, die bislang als schwer automatisierbar galten: kognitive Routinetätigkeiten etwa, in Bereichen wie Journalismus, Rechtsberatung, Finanzdienstleistungen und vor allem Büro- und Verwaltungstätigkeiten sind gegenüber generativer künstlicher Intelligenz stark exponiert.

Besonders sensibel scheint darüber hinaus der Berufseinstieg zu sein. Laut ersten ex-post-Analysen entwickelt sich seit dem Aufkommen generativer KI insbesondere die Beschäftigung junger Menschen in stark KI-exponierten Berufen deutlich ungünstiger als in weniger exponierten Berufen. Denn junge Berufseinsteiger*innen übernehmen häufig Aufgaben, die zunehmend von generativer KI unterstützt oder automatisiert werden können: Datenaufbereitung, Recherche, Dokumentation oder einfaches Coding.

Ein abschließender Kausalbeweis ist das noch nicht. Die Befunde stellen aber einen relevanten Frühindikator für mögliche Veränderungen der Beschäftigungschancen am Berufseinstieg dar.

Zwei Frauen sitzen an einem Schreibtisch und arbeiten gemeinsam an einem PC.
KI soll Arbeitsplätze in Zukunft nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Fachkräfteverknappung & Strukturwandel

Damit entsteht ein Spannungsverhältnis: Gerade jene Einstiegsaufgaben, über die sich Kompetenz und Expertenwissen entwickelt, geraten zunehmend unter Automatisierungsdruck. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftebedarf in einigen Branchen eine zentrale Herausforderung der Arbeitsmarktpolitik.

Denn in Österreich ist künftig mit einem Rückgang des Arbeitskräfteangebots zu rechnen. Laut aktueller Prognose des AMS dürfte die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren bis 2050 um 6,1 Prozent sinken. Wien bildet zwar eine Ausnahme – hier wird aufgrund der Zuwanderung ein Anstieg der Erwerbspersonenzahl erwartet. Doch auch in Wien haben wir es mit Fachkräftelücken zu tun, die mitunter auf demographische Veränderungen zurückzuführen sind. So wird aufgrund der Alterung der Bevölkerung der Bedarf an Pflegeleistungen steigen, wodurch sich die bereits bestehenden Personalengpässe in der Pflege weiter verstärken werden. Aber auch in anderen systemrelevanten Bereichen wie der Pädagogik, sowie in Handwerk und Technik ist menschliche Arbeitskraft und Arbeitszeit heute schon ein knappes Gut.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach dem Beitrag von KI-Technologien zur Entlastung personalintensiver Bereiche. Potentiale ergeben sich nämlich insbesondere dort, wo Künstliche Intelligenz menschliche Arbeit sinnvoll ergänzen kann, also etwa beim Dokumentationsaufwand in Pflege und Betreuung. Damit steigt auch der Wert dieser rein menschlichen Fähigkeiten, die nicht beliebig skalierbar sind: Aufmerksamkeit, Verantwortungsübernahme, Urteilsvermögen, Vertrauensbildung und Fürsorge (vgl. auch Ermöglichungswert von Arbeit). Gerade in personenbezogenen Dienstleistungen könnte menschliche Arbeit also an Bedeutung gewinnen.

In anderen Bereichen wird es allerdings verstärkt erforderlich sein, Kompetenzaufbau und Qualifizierung zu ermöglichen. Insbesondere dort, wo Berufseinstieg und die Entwicklung von Expertise erschwert wird.

Technologischer Wandel als Gestaltungsaufgabe der Politik

Künstliche Intelligenz ersetzt Berufe nicht vollständig; die wesentlichen Veränderungen vollziehen sich vielmehr auf Ebene der Tätigkeiten und Aufgaben, den erforderlichen Kompetenzen und der Verteilung von Verantwortung. Denn jeder Beruf umfasst ein Bündel an Tätigkeiten, die in unterschiedlichem Ausmaß von KI unterstützt, verändert oder automatisiert werden können. Weltweit ist etwa ein Viertel der Beschäftigten in Berufen tätig, die zu einem gewissen Grad mit GenAI in Berührung kommen. Davon werden den meisten Berufe nicht redundant werden, sondern sich in ihrer Ausgestaltung verändern.

Die Auseinandersetzung mit der konkreten Art des KI-Einsatzes wird dadurch bedeutender. Im Vordergrund stehen insbesondere die Fragen:

  • Welche Aufgaben verändern sich – und wie?
  • Entstehen eventuell neue Tätigkeiten?
  • Und für welche Personengruppen entstehen dadurch neue Chancen am Arbeitsmarkt?

Darauf gibt es keine sozial neutrale Antwort, denn Technologie trifft auf einen Arbeitsmarkt, der bereits durch ungleiche Beschäftigungschancen und geschlechtsspezifische Segregation geprägt ist. Frauen sind etwa stark in eben jenen Tätigkeiten vertreten, die ein höheres Risiko bergen, durch Künstliche Intelligenz ersetzt zu werden. Dazu gehören unter anderen die bereits genannten administrativen Tätigkeiten und Büro- und Verwaltungsfunktionen. Die ILO kommt außerdem zum Ergebnis, dass rund 29 % der frauendominierten Berufe generativer künstlicher Intelligenz ausgesetzt sind, während dies unter den männerdominierten Berufen lediglich 16 % betrifft.

Ganz im Sinne „We choose which technology we use“ hängen die Auswirkungen des technologischen Wandels wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen die entwickelten Technologien zum Einsatz kommen und wer diese Bedingungen bestimmt.

Der Gestaltungsauftrag für die Arbeitsmarktpolitik lautet dementsprechend, bereits im Transformationsprozess Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen Kompetenzen weiterentwickeln, neue berufliche Perspektiven erschließen und die Veränderungen am Arbeitsmarkt mitgestalten können. Denn Arbeit vermittelt auch gesellschaftliche Teilhabe und Handlungsmacht. Arbeitsmarktpolitik darf daher nicht dort beginnen, wo Arbeit verlorengeht. Sie muss Bedingungen schaffen, unter denen Menschen handlungsfähig bleiben.

Die dynamische Natur von KI-Technologien erschwert das Monitoring arbeitsmarktlicher Veränderungen. Die Wiener Arbeitsmarktpolitik benötigt folglich einen KI-Arbeitsmarktradar, der frühzeitig Kompetenzbedarfe erkennt. Ein kontinuierliches Monitoring der Entwicklungen und eine frühe, vorzeitige Arbeitsmarktanalyse mittels datenbasierter Grundlagen könnte Veränderung erkennen, solange Menschen noch in Beschäftigung sind und nicht erst, wenn Arbeitslosigkeit entsteht.

Gleichzeitig ist die Arbeitsmarktanalyse stark auf Berufe fokussiert. Ein Monitoring, das nicht nur Berufe sondern auch Tätigkeiten in den Blick nimmt, könnte darlegen, in welchen Bereichen sich Aufgaben wandeln, wo etwaige Junior-Stellen sinken oder welche Fähigkeiten verstärkt an Bedeutung gewinnen könnten. Damit wäre außerdem eine Grundlage für die Weiterentwicklung von arbeitsmarktpolitischen Handlungsoptionen geboten.

Mit zunehmender Veränderung von Aufgaben durch KI, wandeln sich die Kompetenzanforderungen an Beschäftigte. Dabei ist der konkrete Kompetenz- und Qualifizierungsbedarf sehr individuell und variiert stark je nach Einsatzbereich. Für die Arbeitsmarktpolitik ergibt sich daraus die Aufgabe, nicht nur bedarfsgerechte Bildungsangebote bereitzustellen, sondern Inanspruchnahme zu ermöglichen und Übergänge zu unterstützen.

Eine zentrale Hürde vieler Beschäftigter ist allerdings Zeitmangel: Laut OECD nennen durchschnittlich 48 % jener Erwachsener, die an einer gewünschten Weiterbildung gehindert wurden, Zeitmangel aufgrund beruflicher oder familiärer Verpflichtungen als wichtigstes Hindernis.

Daher braucht es eine Wiener Lernzeit: In einigen Stunden pro Woche könnte Beschäftigten während ihrer Arbeitszeit ermöglicht werden, neue Kompetenzen zu erwerben. Eine gemeinsame Finanzierung von Unternehmen und öffentlicher Hand könnte den Zugang zu Weiterbildung in der Breite ermöglichen und gleichzeitig den Weg zum notwendigen Erfahrungsaufbau für Berufseinsteigende ebnen – mit Traineeships, Mentoring, begleitender Projektarbeit. Dies sorgt für präventiven Fachkräfteaufbau, damit aus den Juniors auch Seniors werden können.

Gerade kleine und mittlere Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz deutlich seltener als Großunternehmen. In Österreich setzen 68,3 % der Unternehmen mit mindestens 250 Beschäftigten KI-Technologien ein, gegenüber 44,6 % der mittleren und 26,2 % der kleinen Unternehmen. Grund dafür könnte sein, dass Wissen über die Einsatzmöglichkeiten und die Bedeutung für Arbeitsorganisation und Beschäftigte nicht ausreichend verfügbar sind.

Ein Zukunftszentrum für KI und Arbeit könnte ein Ort sein, der mit Unternehmen und Beschäftigten Technologien, Tätigkeiten und Menschen gemeinsam betrachtet. Unternehmen könnten durch die Transformation begleitet werden, indem gemeinsam Prozesse und Aufgaben analysiert werden und das Potential für zielgerichtete Qualifizierung und Kompetenzerweiterung erkundet wird.

Gerade Institutionen wie der waff könnten dafür eine entsprechende Übergangsinfrastruktur anbieten.

Wien ist nicht nur Fördergeberin, sie ist Arbeitgeberin, Auftraggeberin, Einkäuferin und Betreiberin großer Infrastrukturen. Im Strukturwandel gilt es, diese wertvollen Hebel zu nutzen und den Wiener KI-Standard für gute Arbeit zu etablieren.

Die Stadt kann als Leitbetrieb für gute KI-Arbeit fungieren und ein Vorzeigemodell liefern, wie künstliche Intelligenz in gute Arbeit übersetzt werden kann. Dafür haben wir besondere Voraussetzungen: Einen großen öffentlichen und stadtnahen Bereich: Pflege, Gesundheit, Verkehr, Wohnbau, Energie, Verwaltung, Bildung.

Der waff kann also Teil einer Infrastruktur des Wandels sein und nicht erst Reparaturbetrieb, ganz in der Tradition des Roten Wien: Gesellschaftliche Probleme nicht nur zu verwalten, sondern die Bedingungen verändern, unter denen sie entstehen.

Stand 09/2026