Wir können uns qualifizierte Fachkräfte nicht aus den Rippen schneiden
Interview
Rund 560 Elementarpädagog*innen fehlen aktuell in Wiens städtischen Kindergärten. Brigitta Schwarz, Fachbereichsleiterin für die Kindergärten und Horte der Stadt Wien, und selbst Elementarpädagogin, sieht darin Herausforderungen und definitiv eine Daueraufgabe. Im Gespräch erklärt sie, warum die Stadt verstärkt auf interne Qualifizierung, multiprofessionelle Teams und Programme wie „Jobs PLUS Ausbildung“ des waff setzt.
In den Wiener Kindergärten herrscht ein hoher Bedarf an neuen Fachkräften. Wie hat sich die aktuelle Personallücke entwickelt und was bedeutet sie für den beruflichen Alltag?
Dieser Fachkräftebedarf hat sich über fünf bis sieben Jahre entwickelt – und er betrifft längst nicht nur die Elementarpädagogik, sondern viele Branchen, in ganz Österreich und darüber hinaus. In unserem Fall hat sich der Beruf relativ rasch stark verändert – weil sich auch die Gesellschaft verändert hat. Denn der Kindergarten spiegelt die Gesellschaft wider. Wir müssen definieren – was kann und soll der Kindergarten von heute leisten. Wir haben also Herausforderungen, die wir im Alltag stemmen – deshalb arbeiten wir in Wien längst multiprofessionell daran, und das hilft in vielen Bereichen.
Eine Mitarbeiter*innenbefragung der Stadt hat zuletzt das Bild hoher Arbeitsbelastung gezeichnet. Warum verlassen Menschen den Beruf?
Das lässt sich nicht auf einen einzelnen Punkt reduzieren – dafür braucht es einen mehrdimensionalen Blick. Ein wesentlicher Faktor sind sicherlich die Rahmenbedingungen. Genau an diesen Stellschrauben müssen wir gemeinsam mit der Politik und der Personalvertretung weiterarbeiten, um den Beruf langfristig attraktiver zu gestalten.
Was meine ich mit Rahmenbedingungen? In den städtischen Kindergärten und Horten leisten Mitarbeiter*innen 34 Kinderdienststunden pro Woche sowie zusätzliche Vorbereitungszeiten. Gleichzeitig gibt es nur wenige Schließtage – abgesehen von Wochenenden, Feiertagen sowie dem 24. und 31. Dezember sind die Einrichtungen grundsätzlich geöffnet.
Auch beim Einkommen hat sich in den vergangenen Jahren erfreulicherweise einiges getan: Das Einstiegsgehalt liegt nach Abschluss der Ausbildung bei knapp über 3.400 Euro brutto – und das bereits bei einem möglichen Berufseinstieg ab dem Alter von 19 Jahren.
Trotzdem zeigt sich: Geld allein sorgt nicht automatisch für langfristige Zufriedenheit im Beruf. Gerade die jüngere Generation legt zunehmend Wert auf eine gute Work-Life-Balance, Wertschätzung und das Gefühl, mit der eigenen Arbeit etwas bewirken und mitgestalten zu können.
Und wie gelingt es, die Menschen im Beruf zu halten – und zusätzlich ausreichend neue zu gewinnen?
Von außen bekommen wir die hochqualifizierten Fachkräfte schlicht nicht mehr in ausreichender Zahl. Wir können sie uns ja nicht aus den Rippen schneiden oder im 3D-Drucker herstellen. Aber wir haben viele qualifizierte und kompetente Menschen, die bereits im Feld tätig sind: Assistent*innen und Assistenzpädagog*innen. Diesen bieten wir „Training on the Job“ und Höherqualifizierungen an. Wir stellen sie dafür frei, ohne finanzielle Einbußen – bis zur vollen Qualifikation als Elementarpädagog*in. Das ist gerade momentan eine große Stellschraube und wird sehr gut angenommen. Den Berufseinsteiger*innen bieten wir zudem über Mentoring- und Buddy-Systeme ein Sicherheitsnetz.
Welche Ausbildungs- und Berufsbilder gibt es – und welche werden wichtiger?
Elementarpädagog*in wird man über die fünfjährige Ausbildung an einer bafep oder über das dreijährige Kolleg, das vor allem für Quereinsteiger*innen offensteht, auch ein Hochschulstudium für Elementarpädagogik gibt es mittlerweile. In Wien an unserer bafep21 gibt es zudem eine dreijährige Ausbildung für Assistenzpädagog*innen. Für die Berufsgruppe Assistent*innen wird gerade an einer verbindlich verankerten Ausbildung gearbeitet.
Wir brauchen künftig mehr Professionen in unseren Kindergärten: Ergotherapie, Kindersozialarbeit, psychosoziale Dienste und vieles mehr. Themen wie Autismus-Spektrum-Störung, Traumatisierung und Kinder mit erhöhtem Unterstützungsbedarf haben zugenommen – das kann und soll die Elementarpädagog*in nicht allein abdecken.
Wo muss die Ausbildung selbst nachschärfen?
Wir müssen ehrlich zu den Schüler*innen und Studierenden sein und den realen Bildungsalltag klar ins Curriculum holen. Die gesellschaftlichen Anforderungen an die Elementarpädagogik haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Deshalb ist es wichtig, Ausbildung und Praxis laufend weiterzuentwickeln und aufeinander abzustimmen. Mir ist wichtig, nicht immer mehr draufzupacken, sondern den Lehrplan auch neu zu denken: Was braucht man heute wirklich? Medienpädagogik, Kinderschutz und Konfliktmanagement gehören jedenfalls hinein.
Stichwort Medienpädagogik: Sollen schon Kindergartenkinder an Tablets?
Das ist ein sehr kontrovers diskutiertes Thema. Wenn wir von Medienpädagogik sprechen, sehen wir immer nur das Endprodukt vor uns, den Laptop oder das Smartphone. Bevor ein Kind das Gerät in die Hand bekommt, müssen aber viele kleine Schritte passieren. Wir nennen das in der elementaren Bildung „den Erwerb von Vorläuferfertigkeiten“, das sind unter anderem Hand-Augen-Koordination, logisches Denken, Frustrationstoleranz, Konfliktlösung, Sprache und vieles mehr. Genau diese Vorläuferfertigkeiten werden in der Elementarpädagogik täglich gefördert. Die Kinder werden spielerisch und motivierend auf den Umgang mit den technischen Geräten vorbereitet.
Welche Rolle spielen Programme wie „Jobs PLUS Ausbildung“ des waff?
Eine sehr wichtige. Es gibt eine gute Kombination aus Ausbildung, waff und AMS. Quereinsteiger*innen kommen aus einem anderen Beruf und haben oft bereits finanzielle Verpflichtungen, diese müssen sie wahrnehmen. Hier unterstützen auch waff und AMS finanziell, sodass eine Neuqualifizierung überhaupt möglich wird. Ein wichtiger Beitrag, um Menschen den Weg in einen neuen Beruf zu eröffnen.
Mehrsprachigkeit, steigende Armut, mehr Inklusion – damit lässt sich das Arbeitsumfeld schon recht weit beschreiben. Was wünschen Sie sich vor diesem Hintergrund für die Elementarpädagogik?
Mehrsprachigkeit ist für uns eine Bereicherung. Kinder bringen unterschiedliche Sprachen, Erfahrungen und Perspektiven mit, und das sehen wir grundsätzlich als Stärke. Gleichzeitig wissen wir, wie wichtig gute Deutschkenntnisse für den Bildungserfolg und die gesellschaftliche Teilhabe sind. Deshalb fördern wir beides: die Wertschätzung von Mehrsprachigkeit und den Erwerb der deutschen Sprache. Für mich gehört das untrennbar zusammen.
Ja, leider ist die steigende Armut eine Realität, die sich auch in den Kindergärten bemerkbar macht. Damit verbunden ist eine enorme soziale Verantwortung, die weit über den Bildungsauftrag hinausgeht. Nicht zuletzt deshalb sind die städtischen Kindergärten in Wien seit 2009 beitragsfrei.
Ein zentrales Anliegen ist für uns die Bildungsgerechtigkeit. Während in anderen Einrichtungen für Ausflüge oder Theaterbesuche oft zusätzliche Kosten anfallen, setzen wir auf kostenlose Angebote und eine enge Vernetzung innerhalb der Stadt. Kooperationen mit den Büchereien der MA 13 (Bildung und Jugend) oder der MA 17 (Integration und Diversität) tragen dazu bei, allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gleiche Chancen zu ermöglichen.
Mein Wunsch ist, dass sich die Rahmenbedingungen für die Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen weiter verbessern. Dazu zählen unter anderem ein besserer Betreuungsschlüssel, eine Entlastung von administrativen Aufgaben, die Einbindung neuer Berufsgruppen in den Kindergärten sowie eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung des Berufs. Viele Kolleg*innen würden solche Entwicklungen als echte Wertschätzung erleben – sowohl für ihr Fach als auch für ihre tägliche Arbeit. Daran arbeiten wir mit Ausdauer und einem langen Atem.
Stand 06/2026