Gebaute Pädagogik

Best Practice

Die bafep21 (Bildungsanstalt für Elementarpädagogik) bildet Quereinsteiger*innen aus, die den Fachkräftebedarf im Bereich der Elementarpädagogik für Wien langfristig abfedern sollen. Im Herbst wird ein hochmodernes neues Lehrgebäude bezogen.

„Wir können auch noch aufs Dach gehen, der Ausblick ist schöner.“ Nicole Kalteis, Direktorin der bafep21, hat es an diesem Vormittag eilig, denn es laufen die Eignungsprüfungen für die neuen Studierenden. Direkt neben dem Schulgebäude, das seit 1978 in Betrieb ist, werden die letzten Handgriffe an einem Gebäude getätigt, das die Zukunft der Wiener Elementarpädagogik symbolisiert. Mit 1. August wird Kalteis und ihrem Team der Neubau übergeben, im Herbst beginnt dort der Unterricht. Noch riecht es nach frischer Farbe, in manchen Teilen ist der Estrich sichtbar, doch die architektonische Absicht ist klar erkennbar: viel Licht, weite Flächen – eine moderne Hochschule statt der „Kindergärtnerinnen-Schulen“ früherer Zeiten.

Das ist kein Zufall, erklärt Kalteis, denn in ihrem Bereich spreche man auch gern von „gebauter Pädagogik“, vom Raum als einem „dritten Pädagogen“. Mit der neuen bafep21 konnte man das konsequent durchdenken: „Wir waren von Anfang an partizipativ in den Planungsprozess eingebunden – Lehrende, Schülerinnen und Studierende. Wir haben das Raum- und Funktionsprogramm mitgeschrieben, und das wurde in die Architektur übersetzt.“

Eine Schule der Stadt – für Erwachsene

Die bafep21 ist eine Schule der Stadt Wien und gehört direkt zu den städtischen Kindergärten. Wer hier als Quereinsteiger*in das Kolleg CHANGE absolviert, arbeitet bereits ab dem dritten Semester in einem der städtischen Kindergärten und hat auch nach der Ausbildung zumindest auf vier Jahre einen fixen Arbeitsplatz als Elementarpädagog*in. Tatsächlich bildet das Kolleg mit 60 Prozent der Auszubildenen den Schwerpunkt an diesem Ausbildungsstandort in Wien-Floridsdorf. Den Rest bilden Schüler*innen der fünfjährigen BHS, die mit Matura abschließt.

Von links nach rechts stehen. D. Krawetkowski, D.Tscheitschonig, N. Kalteis, K. Edelbacher
Der Weg in den Kindergarten benötigt viel Einsatz! v.l.n.r. D. Krawetkowski, D.Tscheitschonig, N. Kalteis, K. Edelbacher

Bedarf an Elementarpädagog*innen ist in ganz Österreich enorm, Wien nimmt die Situation besonders ernst. In den städtischen Kindergärten fehlen aktuell über 500 Elementarpädagog*innen; bis 2030 könnten es in der gesamten Wiener Elementarpädagogik fast 2.000 sein, wobei zu dieser Entwicklung natürlich auch Pensionierungen beitragen. Zugleich erklärt laut einer Studie des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung etwa ein Viertel der Absolvent*innen der fünfjährigen Bildungsanstalt für Elementarpädagogik, dass sie „sicher nicht“ in dem Berufsfeld tätig werden wollen. Die Gründe dafür sind vielfältig, manche fühlen sich mit 19 Jahren zu jung dafür oder setzen neue Prioritäten in ihrer Bildungslaufbahn. Dabei ist etwa das Gehalt insbesondere für den Berufseinstieg – entgegen der verbreiteten Meinung – alles andere als schlecht: Wer die Ausbildung beendet – egal ob als Quereinsteiger*in im Kolleg CHANGE oder als Maturant*in – erhält vom Start weg als Angestellte*r der Stadt Wien knapp über 3.400 Euro brutto im Monat – ohne allfällige Zulagen.

Beim Kolleg CHANGE ist der Name Programm: „Die Idee war, Menschen einen Wechsel zu ermöglichen, die merken, dass sie etwas Sinnstiftendes machen wollen“, sagt Kalteis. Um diesen Wechsel möglichst vielen Menschen zu ermöglichen, spielt auch der Wiener Arbeitnehmer*innen Förderungsfonds eine wichtige Rolle: Im ersten Jahr sind die Studierenden doppelt abgesichert – vom waff über das Wiener Ausbildungsgeld und vom AMS über einen eigenen Beitrag zur Deckung des Lebensunterhalts, bevor es ab dem dritten Semester für das letzte Ausbildungsjahr in die praktische Arbeit via Anstellung geht.

Viele Wege führen in die Kindergärten

Wie kommen Menschen auf die Idee, in die Elementarpädagogik zu wechseln? „Da gibt es unterschiedliche Wege“, sagt Katharina Edelbacher vom waff. Manche werden vom waff und AMS beraten, andere haben bei den eigenen Kindern miterlebt, was Elementarpädagog*innen leisten, wieder andere waren ehrenamtlich mit Kindern in Kontakt. Ein Erstkontakt zum Berufsfeld war zuletzt für viele auch die Bewusstseinskampagne „Alle lieben Ali“ des waff – die teilweise sogar in den Räumlichkeiten der (alten) bafep21 gedreht wurden.

Edelbacher erklärt, dass es neben der Kooperation mit dem Kolleg CHANGE auch Unterstützung des waff via „Jobs PLUS Ausbildung“ gibt. Dabei führen Interessierte nach einer Infoveranstaltung Bewerbungsgespräche bei privaten Trägern wie den Kinderfreunden; erst nach einer Jobzusage geht es an eine der anderen Ausbildungshäuser wie die BAfEP 8 und BAfEP 10, das Mindestalter liegt hier bei 21 Jahren.

Worauf es Edelbacher ankommt, ist der Hebel dieser finanziellen Begleitung. „Wir sehen, wie wichtig diese Transferleistungen sind“, sagt sie. „Ohne sie könnten viele diesen Weg nicht gehen.“ Wer noch einen Sprachkurs oder die Studienberechtigungsprüfung zur rein formalen Eignung braucht, werde zusätzlich gefördert. 2025 wurde außerdem eine Teilzeit-Variante für die BAfEP-Ausbildung eingeführt. „Dies vor allem in Hinblick auf den anhaltenden Fachkräftebedarf und die daraus resultierende Notwendigkeit zur Erschließung weiterer Zielgruppen“, verweist Edelbacher etwa auf Personen mit Betreuungspflichten.

Eine Klasse des Kolleg CHANGE steht in den Räumen der bafep 21 und blickt in die Kamera.
Diversität im Kindergarten ermöglicht ein breiteres Angebot an Betreuungsmöglichkeiten.

Diversität als Ressource

Die Kolleg-Studierenden sind zwischen 18 und 55 Jahre alt. Sowohl das Alter als auch Herkunft, Geschlecht und den beruflichen Hintergrund betreffend meint Kalteis: „Wir schätzen Diversität sehr.“ Vor der Corona-Pandemie war der Männeranteil stetig auf gut 20 Prozent angestiegen, aktuell liegt er stabil bei etwa 17 Prozent; in den Kindergärten selbst hat sich der Männeranteil in den vergangenen Jahren vervierfacht, wenn auch von einem niedrigen Niveau ausgehend. Auch sprachlich ist die Vielfalt groß: Rund 49 Sprachen zählt man im Haus, die Hälfte der Studierenden und Schüler*innen hat eine andere Erstsprache als Deutsch – und jede davon wird laut Kalteis als wertvolle Ressource wahrgenommen: „Gerade in der Eingewöhnung kann man zumindest in der Sprache des Kindes sagen: Die Mama oder der Papa kommt gleich.“

Eine Ressource sind auch die beruflichen Biografien: Eine gelernte Tischlerin könne mit den Kindern an der Werkbank arbeiten, ein Biologe bietet Projekte mit Mikroskopen an. „Das Tolle im Kindergarten ist, dass jedes Thema zum Bildungsthema für Kinder gemacht werden kann.“ Was die Erwachsenen mitbringen, wird aufgegriffen, nicht abgeschliffen.

Zwei, die noch einmal anfangen

Wie sich das Kolleg anfühlt, erzählen zwei, die mitten in der Ausbildung stecken. Denise Tscheitschonig, 29, hat zehn Jahre als Assistenzpädagogin gearbeitet und immer wieder „mit Nachsicht“ die Leitung einer Gruppe verlängert bekommen, nachdem eine Kollegin gegangen war. „Nachsicht“ meint dabei die befristete Erlaubnis, mangels genügend Fachkräften eine Gruppe zu leiten, wofür man zwar aufgrund der Berufserfahrung qualifiziert, aber rein formal nicht ausgebildet ist. Dass sie nun die Höherqualifizierung im Kolleg CHANGE, macht ist der bewussten Förderung durch ihre Kindergartenleitung geschuldet: „Die Chefin meinte: Bitte mach die Ausbildung, wir unterstützen dich.“

David Krawetkowski, 48, kommt aus einer anderen Welt: 15 Jahre lang arbeitete er für eine Versicherung, bis das Unternehmen aufgelöst wurde. Pädagogik hatte er früher schon studiert; über das AMS fand er den Einstieg ins Kolleg. Das erwähnte Einstiegsgehalt nach dem Abschluss findet er in Ordnung: „Bei der Versicherung habe ich dasselbe zwar für 30 Stunden bekommen. Aber ich habe ja gewusst, worauf ich mich einlasse.“ Den Unterschied macht etwas anderes: „Bei der Versicherung war mein Business das Geschäft mit der Angst. Jetzt kann ich etwas wirklich Sinnvolles tun.“

Zu sehen, was man aus der Theorie in die Praxis einbringen kann, das macht Freude

David Krawetkowski

Beide sind im zweiten Semester, ab Herbst geht es (wieder) in die praktische Pädagog*innenarbeit. Tscheitschonig kehrt in ihr altes Haus zurück, auf Krawetkowski wartet ein Kindergarten im 10. Bezirk. Die Vollzeitausbildung sei fordernd: Es sind bis zu 38 Unterrichtsstunden, dazu kommen weitere Arbeitsaufträge, und es muss verpflichtend ein Instrument beherrscht werden. Aber das zahle sich auf jeden Fall aus, sind sich beide einig. „Wir gehen hier nach fünf Semestern quasi als Universalgelernte raus“, sagt Krawetkowski. „Wenn man zehn Arbeitsaufträge gleichzeitig kommen, ist das schon sehr intensiv“, führt Tscheitschonig aus – die Kunst sei, alles unter einen Hut zu bringen. Dabei helfen die „ungemein motivierenden“ Lehrkräfte, wie beide bestätigen. „Zu sehen, was man aus der Theorie in die Praxis einbringen kann, das macht Freude“, sagt Krawetkowski. Und Tscheitschonig lobt auch den Zusammenhalt in der Studierendengruppe: „Wir ziehen das gemeinsam durch.“

Ihr Rat an Interessierte klingt fast wie ein Motto des Hauses. „Man muss in gewisser Weise seinen Perfektionismus ablegen“, sagt Tscheitschonig. „Es kommt weniger auf die Noten im Zeugnis an, sondern dass man die Freude nicht verliert.“

Pädagogische Vielfalt in jeder Hinsicht

Dass die Freude einen in der bafep21 nicht so schnell verlässt, wird beim Rundgang im neuen Gebäude klar. Statt Stammklassen gibt es künftig sechs Departments, ausgerichtet an den Bildungsbereichen des Kindergartens. In jedem steckt ein eigener Bildungsraum für den angrenzenden Praxiskindergarten. Dazu ein Atelier, ein Labor, ein Kinderparlament, eine große Bibliothek und Lerninseln auf den Gängen, wo Studierende arbeiten können. „Es werden immer wieder Kinder hier in der Ausbildungsstätte sichtbar sein“, sagt Direktorin Kalteis. Die Studierenden sollen mit ihnen das Atelier oder auch das Labor nutzen – Theorie und Praxis im selben Raum. „Uns war wichtig, dass am Gebäude ablesbar ist, wofür wir hier ausbilden.“ Am Ende geht es um genau das: Erwachsenen, die noch einmal von vorne beginnen, einen Ort zu geben, der ihnen Neues zutraut und das dafür nötige Vertrauen entgegenbringt.

Stand 06/2026