Der Kindergarten: Schlüssel zur Fachkräftesicherung und selbst auf Personalsuche
Hintergrundwissen
Kindergärten sind nicht nur Betreuungseinrichtungen, sondern leisten zudem einen grundlegenden Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie bilden die Grundlage für die Arbeitsmarktbeteiligung von Eltern und fördern Kinder für ihre spätere berufliche Zukunft. Doch mit dem Bevölkerungswachstum nimmt die Betreuungsnachfrage zu, gleichzeitig steht die Rekrutierung und Bindung von Mitarbeiter*innen vor großen Problemen. In dieser Hintergrundanalyse gehen wir daher den Fragen nach, welche Faktoren zum Personalbedarf beitragen, wie sich das auf Fachkräftesicherung allgemein auswirkt und mit welchen Maßnahmen dieser Problematik begegnet wird?
Kinderbetreuung ist Fachkräftesicherung
Wenn Eltern keinen Kindergartenplatz finden, hat das spürbare Auswirkungen auf ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt. Was auf den ersten Blick wie ein persönliches Anliegen klingt, hat strukturelle Folgen. Kindergärten sind nicht nur Betreuungseinrichtungen, sondern ausschlaggebend für Fachkräftesicherung. Sie ermöglichen Eltern die Erwerbsarbeit, insbesondere Müttern, die nach wie vor die Hauptverantwortung der Kinderbetreuung übernehmen. Gerade in einer Großstadt wie Wien ist das wichtig, da hier mehr Alleinerziehende leben, Eltern mehr arbeiten als in ländlichen Regionen und ein familiäres Betreuungsnetz oftmals weniger stark ausgeprägt ist. Außerdem fördern Kindergärten Kinder in entscheidenden Entwicklungsphasen, was maßgeblich zu ihren späteren Erfolgschancen in Bildung, Berufsleben und gesellschaftlicher Teilhabe beiträgt.
Wie viele Fachkräfte werden im Kindergarten gebraucht?
Aktuell wird laut Auskunft der MA10 ein Bedarf von 560 Elementarpädagog*innen in städtischen Kindergärten in Wien geschätzt. Eine Bedarfsprognose aus dem Jahr 2022 im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung schätzt darüber hinaus, dass in Wien bis 2030 bei Beibehaltung der bisherigen Betreuungsstruktur 1.900 Pädagog*innen für den gesamten Elementarpädagogikbereich fehlen.
Die Gründe für den Fachkräftebedarf sind vielfältig und reichen von den erwähnten Folgen demographischer Entwicklungen über Belastung durch den Personalbedarf selbst bis hin zu persönlichen Motiven.
Warum Elementarpädagog*innen fehlen und warum sie gehen
Der Fachkräftemangel im Kindergarten ist Ergebnis eines Wechselspiels mehrerer Faktoren. Belastende Arbeitsbedingungen können zu Berufsausstiegen beitragen, was den Druck auf verbleibende Pädagogen und Pädagoginnen erhöht und die Rekrutierung von Neueinsteiger*innen erschwert. Um diesen Kreislauf aufzuhalten, rentiert sich ein Blick auf die dahinterstehenden Mechanismen.
Hohe Ausstiegsquoten – auch schon kurz nach dem Berufseintritt
Nahezu alle Elementarpädagog*innen erleben die Arbeit mit Kindern als freudvoll und sinnstiftend. Das bestätigt eine aktuelle Umfrage der Stadt Wien unter rund 2.400 Elementarpädagog*innen, in der die Hälfte angibt, dass ihnen die Arbeit mit Kindern Energie gibt. Dennoch verlässt rund ein Viertel der Berufsanfänger*innen den Kindergarten innerhalb der ersten fünf Jahre. Die Gründe dafür sind in einer aktuellen österreichischen Studie herausgearbeitet worden: hohe berufliche Anforderungen, die nicht der Berufserfahrung entsprechen, geringe kollegiale Unterstützung und hohe Fluktuation im Team.
Mehr Kinder – weniger Fachkräfte
Fehlt Personal, steigt der Betreuungsschlüssel, also die Zahl der Kinder pro Fachkraft. Die Folgen dafür können sein, dass Assistent*innen Aufgaben übernehmen, die nicht ihrer Ausbildung entsprechen. Hinzu kommt die zusätzliche Last für Mitarbeiter*innen aufgrund verstärkter Kündigungsbereitschaft. Jede Kündigung bringt Einarbeitungsaufwand, Wissensverlust und weniger Ausgleichspersonal bei Krankenständen und anderen Fehlzeiten mit sich. Diese Verdichtung wirkt sich direkt auf die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter*innen aus und damit auch auf ihre Bereitschaft den Beruf weiterhin auszuüben. So ergab eine aktuelle Befragung von Wiener Elementarpädagog*innen, dass der Personalmangel als stärkste Belastung wahrgenommen wird.
Dafür ist das Fundament bereits da, denn die Freude an der Arbeit mit Kindern ist für Elementarpädagog*innen ungebrochen. Die Frage ist, wie die Rahmenbedingungen so gestaltet werden können, dass diese Motivation auch langfristig bestehen bleibt. Genau hier setzt die Stadt Wien mit ihren Maßnahmen an.
Was Wien für die Fachkräftesicherung im Kindergarten tut
Die Stadt Wien hat sich diesen Herausforderungen in den letzten Jahren aktiv gewidmet und eine Reihe von Maßnahmen entwickelt, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Im Zentrum steht dabei der Stufenplan Elementarpädagogik, der 2022 mit einer Personaloffensive gestartet wurde und das Ziel verfolgte, bis Ende 2025 insgesamt 2.500 zusätzliche Elementarpädagog*innen zu gewinnen.
Ein zentrales Instrument ist das Programm Jobs PLUS Ausbildung, das der waff gemeinsam mit dem AMS Wien und Wiener Kindergärten umsetzt. Es richtet sich an arbeitslose Wiener*innen, die eine Ausbildung zur Elementarpädagog*in anstreben und verbindet kostenlose Qualifizierung mit finanzieller Absicherung in der Ausbildungszeit. Nach dem Abschluss der Ausbildung erhalten die Absolvent*innen eine fixe Jobzusage.
Finanzielle Unterstützung in Ausbildungszeiten kann zudem über das Fachkräftestipendium oder die Stiftung Jugend und Zukunftsberufe oder die waff-Frauenstiftung bezogen werden.
Neben der Gewinnung neuer Fachkräfte setzt Wien auch auf die Weiterentwicklung des bestehenden Personals. Die Ausbildungsoffensive 2024 unterstützt Kindergartenassistent*innen auf dem Weg zur Elementarpädagog*in. Verkürzte Ausbildungsmodelle, begleitete Übergänge und finanzielle Unterstützung werden in dieser Offensive kombiniert, um berufliche Weiterentwicklung und Fachkräftesicherung zu fördern.
Auch das Bild des Berufs selbst soll aufgewertet werden. Mit der Imagekampagne „Alle lieben Ali“ wird der Arbeitsalltag in der Elementarpädagogik humorvoll und nahbar auf Social-Media sichtbar gemacht und damit bewusst auch männliche Fachkräfte und Quereinsteiger*innen angesprochen.
Über das Kolleg Change der bafep21, die mit dem waff und der Ausbildungseinrichtung der Stadt Wien kooperiert, können Quereinsteiger*innen mit Matura in fünf Semestern die Ausbildung zur Elementarpädagog*in abschließen. Während der Ausbildungszeit kann das Wiener Ausbildungsgeld des waff und einer Lebensunterhaltsdeckung durch das AMS Wien beantragt werden. Die Ausbildung zur Elementarpädagog*in dauert fünf Semester, wobei ab dem dritten Semester eine berufsbegleitende Anstellung bei der Magistratsabteilung für Kindergärten eine frühzeitige Verschränkung von Theorie und Praxis ermöglicht.
Zusätzlich werden laufend Maßnahmen in der Stadt weiterentwickelt, um Rahmenbedingungen zu verbessern. Beispielsweise wurde in Reaktion auf die aktuelle Personalbefragung der Stadt Wien angekündigt die Gruppengrößen in Kindergärten schrittweise zu reduzieren. Gleichzeitig wird eine Konzeptionswoche eingeführt, die Pädagog*innen Zeit für Teamarbeit, Reflexion und die Vorbereitung auf das kommende Jahr gibt und damit auch das Ankommen neuer Mitarbeiter*innnen erleichtern soll.
Stand 06/2026