„Die Trennung nach Geschlecht ist nicht von der Natur vorgegeben“

Interview

Monika Nigl leitet das Beratungszentrum für Beruf und Weiterbildung beim waff. Im Interview spricht sie auf Basis ihrer 30-jährigen Erfahrung darüber, wie weibliches Potenzial auf dem Arbeitsmarkt ausgebremst wird – auch zum Nachteil von Wirtschaft und Gesellschaft.

Gerade im technischen Bereich bzw. in MINT-Berufen sind Frauen immer noch stark unterrepräsentiert. Woran liegt das?

Kinder sind von Natur aus neugierig und die Trennung nach Geschlecht ist nicht vorgegeben. Sie entwickelt sich erst durch gesellschaftliche Bilder, durch Werbebotschaften und Stereotype – manchmal auch durch eine vielleicht unbewusste Haltung in Bildungseinrichtungen. Insofern gilt es, Talente zu entdecken und Interessen zu fördern, ohne dass ein Etikett daran hängt, ob das nun „Bubensache“ oder „Mädchensache“ sei. Wir wissen, dass Menschen häufig in jene Berufsfelder hineinwachsen, die sie aus dem familiären Umfeld kennen. Wenn dort also Technik keine Rolle spielt, muss bestenfalls schon im elementarpädagogischen Bereich gegengesteuert werden. Nicht nur, aber besonders bei Mädchen. Schaut man in manche osteuropäischen Länder, dann finden sich dort sehr viele gut qualifizierte Frauen in technischen Berufen. In Österreich hat sich das nicht im selben Ausmaß entwickelt. Und das ist kaum tragbar – umso weniger, wenn überall Fachkräfte gesucht werden.

Die jüngste Bildungsdebatte dreht sich grob gesagt um das Vorhaben, dass künftig in den Schulen mehr Informatik statt Latein gelehrt werden soll. Könnte das idealerweise einen stärkeren Fokus auf Technik bei Mädchen und jungen Frauen mit sich bringen?

Ich glaube, dass man in dem Fall zu spät ansetzen würde. Was es braucht, ist ein echter Roter Faden – vom Kindergarten über die Volksschule bis in die Sekundarstufen. Gerade im Alter von zwölf bis 14 Jahren, wenn die ersten weitreichenden Berufsentscheidungen fallen, braucht es auch eine gezielte Berufsorientierung: Damit sich der individuelle Horizont erweitert und junge Menschen sich ein realistisches Bild davon machen können, welche Wege ihnen tatsächlich offenstehen.

Monika Nigl ist Bereichsleitung des Beratungszentrums für Beruf und Weiterbildung im waff.

Welche konkreten Barrieren sehen Sie für Frauen auf dem Weg in technische Berufe?

Da sind einmal die immer noch stark traditionellen Ausbildungsentscheidungen, die sich gesellschaftlich manifestieren. Wenn keine oder nur wenige junge Frauen in einem bestimmten Schultyp zu finden sind, dann kommen tendenziell auch nur wenige nach. Dabei geht es nicht nur um Vorbilder, sondern auch um das Lernumfeld. Infolge dieser Situation tun sich Frauen aber auch später schwerer, wenn es um Aufnahmeverfahren bzw. Studieneingangsphasen für technische Fachrichtungen geht – einfach, weil Männer tendenziell eher in einer Schulform mit naturwissenschaftlich-technischem Schwerpunkt waren.

Dass Technik männlich dominiert ist, spiegelt sich auch in den Gehaltsstrukturen. Würden Sie das für unsere Leser*innen ausführen?

Die mit Abstand größte Branche, in der Frauen beschäftigt sind, ist der Handel – und dieser hat nicht unbedingt den am besten dotierten Kollektivvertrag. In technischen Berufen jedoch, wo die Gehälter deutlich besser sind, sind Frauen eben stark in der Minderzahl. Das verstärkt den Gender Pay Gap – und das ist ein weiterer wichtiger Grund, die Zugangsmöglichkeiten für Frauen zu optimieren. Es geht dabei aber nicht darum, dass sich Frauen irgendwie anpassen müssen, sondern um die Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen, um Zugänge zu erleichtern.

Was entgeht dem Arbeitsmarkt, solange er in der geschilderten Art auf weibliches Potenzial verzichtet?

Eine Menge. Frauen haben die Männer bei den Hochschulabschlüssen mittlerweile ganz allgemein überholt – das ist ein enormes Qualifikationsreservoir. Gleichzeitig herrscht in technischen Berufen ein ausgeprägter Fachkräftemangel. Diese beiden Tatsachen nebeneinander zu halten, macht deutlich, wie unwirtschaftlich die aktuelle Situation ist. Wenn Akademikerinnen stärker in Richtung technischer Studien gelenkt bzw. bei der Studienwahl entsprechend beraten und gefördert würden, hätten Wirtschaft und Gesellschaft nur Vorteile.

Sie haben die strukturellen Hürden erwähnt – also Barrieren, die es Frauen auch abseits vom Bildungssystem schwerer machen. Worum geht es dabei?

Ich meine damit die generelle Frauenerwerbsquote und die zugrundeliegenden Löcher im Kinderbetreuungsnetz. Wien steht in beiden Bereichen besser als die restlichen Bundesländer da – wir haben schon lange den Gratis-Kindergarten und relativ lange Öffnungszeiten, zudem ein großes Angebot an Nachmittags- und Ferienbetreuung für Schülerinnen und Schüler. Wenn Kinder gut betreut sind, können Mütter – genauso wie Väter – einer regelmäßigen beruflichen Tätigkeit nachgehen. Und hier gibt es eben noch einiges zu verbessern, um Hürden abzubauen.

Was tut der waff konkret, um Frauen in technische Studienrichtungen zu bringen – und wie wirksam ist die Beratungstätigkeit Ihrer Abteilung?

Im Beratungszentrum für Beruf und Weiterbildung begleiten wir Frauen von der ersten Idee bis zum Studienabschluss. Gefördert werden berufsbegleitende Studien im Bereich Technik, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Und dies speziell in Angeboten, bei denen der Frauenanteil bei Anfänger*innen und Absolvent*innen unter 50 Prozent liegt. Wir vergeben Stipendien, um Frauen eine Reduktion der Arbeitszeit zu ermöglichen, und bereiten sie gezielt auf die Aufnahmeverfahren vor. Die Wirkung unseres Angebots ist auch klar messbar: Unsere Stipendiatinnen haben eine Abbruchquote von unter acht Prozent – bei anderen Teilnehmerinnen derselben Studien und Lehrgänge liegt dieser Wert bei bis zu 50 Prozent. Deutlich über 80 Prozent der von uns Geförderten schließen ihr Studium in der Mindeststudienzeit ab, und für die große Mehrheit ist bzw. war die finanzielle Unterstützung und Beratung tatsächlich ausschlaggebend dafür, die Weiterbildung überhaupt anzugehen.

Die Bildungskarenz wurde zuletzt stark eingeschränkt. Was bedeutet das für Ihre Zielgruppe?

Die ersten Auswirkungen waren sofort zu spüren: Es wurden zuerst einmal viele Bildungsvorhaben aufgeschoben. Die Bildungskarenz war für zahlreiche Menschen ein wichtiges Instrument, eine Chance – etwa, um gegen Ende eines berufsbegleitenden Studiums die Abschlussarbeit fertigstellen zu können. Die volle Wirkung der neuen Bildungskarenz-Regelung ist aber noch nicht abzuschätzen, da die genauen Umsetzungsrichtlinien erst im Frühsommer vorliegen werden. Fest steht: Manchmal machen ein oder zwei Monate den entscheidenden Unterschied. Wer sich berufsbegleitend höherqualifiziert, neben Familie und Job, braucht mitunter einfach mal etwas Raum und Zeit zum konzentrierten Lernen.

2 Frauen und 1 Mann arbeiten an PCs.
Das Beratungszentrum für Beruf und Weiterbildung unterstützt Frauen u.a. bei MINT-Studien.

Welche Muster sehen Sie in der Beratung, wenn Frauen gezielt in technische Felder wechseln wollen?

Da zeigt sich oft ein sehr vertrautes Bild: Es sind z.B. Frauen Anfang bis Mitte 30, mit mehreren Jahren Berufserfahrung in einem anderen Feld, die merken, dass ihre bisherige Richtung keine ausreichenden Perspektiven mehr bietet – und die sich fragen, ob ein technisches Studium für sie realistisch wäre. Viele bringen eine konkrete Idee mit, haben aber wenig Ahnung, ob sie das wirklich schaffen können. Die Beratung beginnt dann mit einer Orientierung: Was will ich, was passt zu meiner Lebenssituation? Erst dann kommen die praktischen Schritte – Vorbereitung auf Aufnahmeverfahren, Finanzierungsplan, Vereinbarkeit mit dem bestehenden Job.

Kann die individuelle Beratung strukturelle Lücken teilweise überbrücken?

Ja – insofern, als sie die Entscheidungsfindung erheblich erleichtert. Rund 35 Beraterinnen und Berater führen in meiner Abteilung jährlich rund 36.000 Kund*innengespräche. In einem persönlichen Setting von etwa einer Stunde wird das Anliegen geklärt, der berufliche Hintergrund beleuchtet und gemeinsam ein konkreter Plan erarbeitet: Welche Kompetenzen sind vorhanden, welche fehlen – und wie lässt sich das zeitlich und finanziell bewältigen? Die Entscheidung treffen am Ende die Frauen selbst. Aber gut begleitet in diese Entscheidung zu gehen, macht einen echten Unterschied. Oft führt nicht ein großer Sprung ans Ziel, sondern eine Abfolge kleiner Schritte.

Abschließend: Sie wurden im Oktober 2024 mit dem Anton Benya-Preis ausgezeichnet. Wofür gab es diese Ehrung – und was bedeutet sie Ihnen?

Ich bin noch immer ein wenig überwältigt. Gewürdigt wurde mein Einsatz für die Ausbildungsförderung von Frauen beim waff. Den Preis habe ich aber natürlich nur stellvertretend entgegengenommen – für die vielen engagierten Kolleg*innen, mit denen ich über all diese Jahre gemeinsam an der Sache gearbeitet habe. Die Arbeit für Gleichstellung ist mitunter kleinteilig und zäh. Aber sie ist wichtig – und sie ist der Rote Faden, der sich durch meine knapp 30 Jahre beim waff zieht. Dass das auch öffentlich Anerkennung findet, freut mich sehr.

Stand 03/2026