Frauenpower in der Forschung – von Hürden zu Chancen

Best Practice

Irina Korschineck gründete 2003 das Wiener Biotech-Unternehmen Ingenetix – in einer Branche, die Frauen tendenziell von der Spitze fernhält. Ein Firmenbesuch, der schnell zur Bestandsaufnahme wird: über strukturelle Hürden, anerzogenes weibliches Schweigen – und darüber, was man täglich tun kann, um den Status quo zu ändern.

An den Glaswänden im fünften Stock der Haidingergasse 1 in Wien-Landstraße klebt das Bild eines DNA-Strangs. Neben den Türen zu den gläsernen Labors hängen jeweils mehrere Laborkittel, die an diesem ruhigen Dienstagvormittag aber weitgehend ungenutzt bleiben. Vor knapp drei Jahren ist Irina Korschineck mit Ingenetix hier eingezogen, ihrem international erfolgreichen Unternehmen für die molekularbiologische Diagnostik. In den Labors auf zwei Etagen werden Tests für die Veterinär- und Humanmedizin entwickelt und produziert, die gezielt Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten identifizieren. Eine besondere Rolle spielt zudem die Pränataldiagnostik. So klärt ein nicht-invasiver Test von Ingenetix frühzeitig, ob im Falle einer Schwangerschaft eine Rhesusfaktor-Inkompatibilität zwischen Mutter und Kind besteht.

Ingenetix hat sich erfolgreich in einer Nische positioniert, in der globale Pharmakonzerne für sich keinen Markt sehen – wo aber Millionenumsätze auf internationalem Niveau möglich sind. Dass diese Strategie sinnvoll ist, bewies nicht zuletzt die Corona-Pandemie: Als SARS-CoV-2 die Welt traf, war Ingenetix gut vorbereitet. „Der Test war längst da“, sagt Korschineck. „Nur hat ihn bis Anfang 2020 kein Mensch gekauft.“

Man kann täglich und schon im kleinen Rahmen Frauen – nicht nur, aber eben auch fördern. Es geht nicht um große Gesten, sondern um eine grundsätzliche Haltung.

Irina Korschineck

Zu viel Ehrgeiz für lange Umwege

Korschineck hat Biotechnologie an der Wiener Universität für Bodenkultur studiert, dort auch promoviert und bis zur beruflichen Selbständigkeit bei Thermo Fisher Scientific internationale Kund*innen betreut. Den entscheidenden Anstoß zur Unternehmer*innenschaft gab ein prägendes Erlebnis: Ein japanischer Forscher publizierte kurz vor ihr ein Paper zu einem Forschungsgebiet, in dem sie selbst tief drinsteckte. Statt sich einfach damit abzufinden, erkannte Korschineck diese Erfahrung als Signal zum Aufbruch in eine ganz neue Richtung: Sie gründete ihre eigene Firma – auf Basis ihrer Fachkompetenz, eines belastbaren beruflichen Netzwerks und, wie sie selbst sagt, „zu viel Ehrgeiz, um den langsamen Karrierepfad in einem internationalen Unternehmen gehen zu wollen“. Noch dazu als Frau in einem männlich dominierten Bereich, wo man bekanntlich stets mehr leisten muss, um wahrgenommen (und befördert) zu werden.

Nach über zwei Jahrzehnten weist das Team von Ingenetix einen leicht weiblichen Überhang auf – das war nicht geplant, sondern ist entstanden, weil sich in den frühen Jahren des Unternehmens kaum Männer beworben hatten. Korschineck selbst bemühe sich eigentlich um eine ausgewogene Belegschaft. Was ihr dabei nicht entgeht: „Ich kenne in meiner Branche kein anderes Unternehmen, das von einer Frau geleitet wird.“ Dass es bei Ingenetix seit jeher anders war, hatte jedenfalls eine eindeutige Folge: „Wenn Bewerberinnen auf der Website eine Frau an der Spitze sehen, wirkt das wohl auch magnetisch.“

Labor als Berufung

Im Produktionslabor führen Johanna Friedrich und Romana Tepla durch die Räume. Die mit jedem Laborwechsel ebenfalls zu wechselnden Kittel haben einen guten Grund – denn die Vermeidung von Kontaminationen ist hier nicht Formalität, sondern absolute Notwendigkeit: Ein verunreinigter Test ist keine Panne, er kann zur echten Gefahr werden.

Friedrich hat an der TU Dresden Molekulare Biologie und Biotechnologie studiert und ist seit zwei Jahren bei Ingenetix. Den Weg in die Naturwissenschaften fand sie früh: Im Gartenbau-Unternehmen ihrer Familie gab es einen stillgelegten Laborkeller, der sie schon als Kind inspirierte. Ein biotechnologisches Gymnasium und das Bachelorstudium waren die logische Fortsetzung. Was sie an ihrer Arbeit bei Ingenetix schätzt, ist die Präzision der Aufgabe – Produktfehler aufspüren, Chargen absichern, Qualität gewährleisten. Für alle, die den Einstieg in naturwissenschaftliche Berufe erwägen, hat sie einen Lesetipp parat: Eine Frage der Chemie, von Bonnie Garmus – der Roman handelt von einer Wissenschaftlerin, die es sich nicht gefallen lässt, dass man(n) sie nicht ernst nimmt.

Einen Stock höher forscht Romana Tepla, die ihr Masterstudium an der Universität für Bodenkultur Wien absolviert und parallel dazu bei Ingenetix arbeitet. Sie beschreibt die Labortätigkeit als spannend wie Detektivarbeit: „Spuren verfolgen, Hypothesen testen und so nach und nach neue Erkenntnisse gewinnen.“ Beide fühlen sich im Unternehmen wohl, das merkt man; und dass es unter weiblicher Führung steht, bestärkt auch die jungen Forscherinnen auf ihrem persönlichen Karriereweg.

Ein Teammeeting von ingenetix mit Irrina Korschineck in der Mitte.
Irina Korschineck (Mitte) gründete das Unternehmen Ingenetix 2003 und ist damit Vorreiterin im Wiener Biotech-Feld.

Die Kinderbetreuungsfalle

Wer Korschineck nach den größten Hindernissen für Frauen im Arbeitsleben fragt, bekommt eine klare Antwort: „Was ich für eine echte Katastrophe halte, ist die Situation der Kinderbetreuung.“ Wenn eine Frau Mutter wird, gerate sie unweigerlich in eine schwierige Spirale: Zuerst die Karenzzeit, dann die Krankenstände der Kinder, Kindergartenausfälle und lückenhafte Betreuungsketten – all dies wird im großen Maßstab von den Müttern abgefedert. „Am Ende ist es so gut wie immer die Frau, die die Teilnahme an wissenschaftlichen Kongressen absagt und Karriereschritte verschiebt.“ Das habe sich in den vergangenen 23 Jahren, seit sie Ingenetix gründete, kaum verbessert – eher im Gegenteil. Was im Einzelfall oft als persönliche Entscheidung erscheint, sei in der Summe ein strukturelles Problem des Arbeitsmarkts – und damit der gesamten Gesellschaft. Lösungen müssen daher auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansetzen: politisch durch den Ausbau leistbarer Betreuungsplätze und partnerschaftlicher Karenzmodelle – und unternehmerisch durch Arbeitszeit- und Führungskonzepte, die Müttern wie Vätern reale Wahlmöglichkeiten lassen.

Eine zweite Bremse liege im Bildungssystem. Korschineck beobachtet bei Mitarbeiterinnen und Kolleginnen immer wieder dasselbe: fachlich exzellent, argumentativ stark – aber im Meeting mit den Kollegen zu leise. Nicht aus Unwissen, sondern weil dieses Verhalten nach wie vor gelehrt bzw. anerzogen wird. „Eine Schulklasse gilt als besonders vorbildlich, wenn alle still sind. Dabei sollte man das Gegenteil aus den Kindern herausholen, um sie zu mündigen Erwachsenen zu machen – die sich trauen, in Ruhe für ihre Sache einzustehen, aber den Mund dafür aufzumachen.“ Ähnliches ziehe sich durch die heimischen Studienpläne. In Deutschland werde das besser gelöst: mehr Vorträge, mehr Meinungsstreit, mehr rhetorische Übung – nicht nur, aber eben auch für Frauen.

Korschineck selbst hat es auf die harte Weise gelernt: „Bei Vorträgen bin ich früher fast umgefallen vor Angst.“ Was half: Übung – und die Bereitschaft, sich etwas Neues anzueignen. Bei Ingenetix fordert sie das aktiv ein: „Wenn jemand gescheit ist und eine Meinung hat, dann ist es doch sehr schade, wenn die Person das nicht ausdrücken kann.“

Was kann man konkret tun, um die Situation zu verbessern? „Zuhören wäre schon mal ein Anfang. Wirklich zuhören und ausreden lassen. Auf Argumente eingehen, statt nur darüber zu reden.“ Auch eine Karenz zu nehmen und in Teilzeit zu arbeiten sollte keine reine Frauensache sein. Unternehmen können dabei eine wichtige Rolle spielen: durch transparente Aufstiegskriterien, gezielte Förderung weiblicher Fachkräfte und eine Führungskultur, die Gleichstellung als Organisationsaufgabe begreift – nicht als individuelle Bringschuld. Und so stellt Korschineck abschließend fest: „Man kann täglich und schon im kleinen Rahmen Frauen – nicht nur, aber eben auch fördern. Es geht nicht um große Gesten, sondern um eine grundsätzliche Haltung.“