Fachkräftepotenzial Frauen am Wiener Arbeitsmarkt
Hintergrundwissen
Der Wiener Arbeitsmarkt steht vor tiefgreifenden strukturellen Veränderungen. Demografischer Wandel, steigender Fachkräftebedarf in zahlreichen Branchen sowie die Transformation von Wirtschaft und Arbeit erhöhen den Druck auf Betriebe und Arbeitsmarktpolitik, vorhandene Erwerbspotenziale stärker zu nutzen. Frauen stellen in diesem Zusammenhang ein zentrales Fachkräftepotenzial dar. Gleichzeitig zeigen Arbeitsmarktdaten und wissenschaftliche Analysen, dass Frauen am Wiener Arbeitsmarkt trotz hoher Bildungsbeteiligung und zunehmender Erwerbsintegration weiterhin strukturellen Benachteiligungen und geschlechtsspezifischer Segregation ausgesetzt sind.
Erwerbsbeteiligung von Frauen steigt
Wien nimmt im Vergleich zu anderen Regionen Österreichs eine Vorreiterrolle ein, wenn es um die Erwerbsbeteiligung von Frauen geht: 2024 waren 76 % der Frauen in Wien erwerbstätig – mehr als im nationalen Durchschnitt von rund 73 %. 2025 stellten Frauen beinahe die Hälfte aller Beschäftigten, und ihre Erwerbstätigkeit wuchs sogar schneller als die der Männer: um 1,4 % im Vergleich zum Vorjahr, während Männer lediglich um 0,8 % zulegten.
Teilzeit ist weiblich – gewinnt aber auch bei Männern an Bedeutung
Trotz der bei Frauen stärker steigenden Beschäftigung bestehen weiterhin deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei der Arbeitszeit. 2025 waren in Wien rund zwei Drittel der Teilzeitbeschäftigten Frauen. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern bleibt also groß: Während 2025 etwa 42 % der unselbstständig beschäftigten Frauen in Wien in Teilzeit arbeiteten, lag dieser Anteil bei Männern nur bei rund 20 %. In den restlichen Bundesländern ist die Teilzeitquote von Frauen mit 52 % sogar viermal so hoch wie jene der Männer (12,5%).
Der langfristige Vergleich zeigt in ganz Österreich eine deutliche Ausweitung von Teilzeitarbeit – sowohl bei Frauen als auch bei Männern. In Wien lag die Teilzeitquote der Männer im Jahr 2004 noch bei 8 %, jene der Frauen bei 30 %. Die Zahlen verdeutlichen damit zweierlei: Einerseits bleibt Teilzeitarbeit ein strukturelles Merkmal weiblicher Erwerbstätigkeit, andererseits gewinnt dieses Arbeitszeitmodell zunehmend auch für Männer an Bedeutung.
Gender Pay Gap in Wien: Besser als im restlichen Land, aber immer noch spürbar
Teilzeitbeschäftigung wirkt sich unmittelbar auf Einkommen, Karriereverläufe und soziale Absicherung aus und trägt wesentlich zur Einkommenslücke zwischen Frauen und Männern bei. Diese liegt in Wien mit 11 % noch immer im zweistelligen Bereich und kommt auf ungefähr 7.000 EUR pro Jahr. Allerdings schneidet Wien in Punkto Gender Pay Gap im Vergleich zum österreichischen Durchschnitt von 18,4% und gegenüber den anderen Bundesländern am besten ab.
Wo fehlen die Fachkräfte und was hat das mit Frauen zu tun?
Der Fachkräftebedarf in Wien ist das Resultat dreier struktureller Faktoren: demografischer Wandel, Dekarbonisierung und Digitalisierung. Die Babyboomer-Generation scheidet aus dem Arbeitsmarkt aus, grüne Transformation und Digitalisierung verändern Berufsbilder. In Wien macht sich das in Pflegeheimen und Kindergärten ebenso wie in Handwerksbetrieben und der IT-Branche bemerkbar.
Was all diese Berufe gemeinsam haben: Sie weisen eine starke Geschlechtersegregation auf, also eine Spaltung in typische „Frauenberufe“ und typische „Männerberufe“. Das bedeutet, Fachkräfte fehlen sowohl in klassischen Frauenberufen wie der Pflege und Elementarpädagogik, als auch dort, wo sie bislang weniger vertreten sind, wie im MINT-Bereich. Genau darin liegt ein oft übersehener Zusammenhang zwischen Fachkräftemangel und Gleichstellung. Welche Hürden bestehen also auf dem Weg, Frauen Erwerbsarbeit in jedem Beruf und in jedem Ausmaß zu ermöglichen damit sie ihr Fachkräftepotenzial voll entfalten können?
Care Arbeit bestimmt, wie viel Erwerbsarbeit möglich ist
Deutlich mehr Frauen arbeiten in Teilzeit als Männer. Dabei leisten Frauen nicht zwingend weniger Arbeit, sondern tun dies unbezahlt und im eigenen Haushalt. Frauen in Wien verwenden täglich rund 3,5 Stunden für unbezahlte Care-Arbeit, dazu zählen Kinderbetreuung, Haushalt und Pflege. Bei Männern sind es ungefähr 2 Stunden und 15 Minuten. Diese tägliche Differenz trägt in Summe zu einer strukturellen Einschränkung in der Erwerbstätigkeit von Frauen bei. Solange Care-Arbeit nicht gerechter aufgeteilt wird und eine breite öffentliche Versorgungsstruktur zugänglich ist, können Frauen, unabhängig von ihrer Qualifikation, nicht in ihrem vollen Potenzial am Arbeitsmarkt eingesetzt werden.
Viele Frauen wollen mehr arbeiten
Ein deutlich höherer Anteil an Frauen als Männer würde gerne mehr Stunden arbeiten. Aus Erhebungen der Statistik Austria geht hervor, dass jene Gruppe, die eigentlich mehr Stunden arbeiten möchte, zu 60 % aus Frauen besteht. Teilzeit ist für viele also kein Idealmodell, sondern ein Kompromiss, bedingt durch mangelnde Flexibilität und Betreuungslücken. Ein Teil des Fachkräftepotenzials ließe sich demnach durch veränderte Rahmenbedingungen aktivieren.

Ein geteilter Arbeitsmarkt verschenkt Potenziale
Der Wiener Arbeitsmarkt ist im Jahr 2026 nach wie vor nach den Geschlechtern segmentiert. Noch immer gibt es Berufe, die vorrangig von Frauen gewählt werden und jene, die männerdominiert sind. Diese Teilung beginnt schon bei der Bildungswahl, die im engen Zusammenhang mit genderstereotypen Erwartungen an Care-Arbeit und Karrierewahl steht. Selbst wenn Frauen aktiv diese Grenzen überwinden wollen, wird ihnen der Weg dabei oft nicht leicht gemacht. Eine aktuelle Studie des IHS und L&R Sozialforschung ergibt, dass beinahe 80 % der Frauen, die eine Ausbildung im MINT-Bereich absolviert haben, bald wieder aussteigen. Dabei liegen die Hintergründe dafür nicht zwingend in der Vereinbarkeitsthematik, sondern vor allem auch in der strukturellen Ausrichtung auf eine männliche Norm: Betriebskultur, Fehlen von Role Models und unsichtbare Aufstiegsbarrieren sind hier zentrale Gründe, warum Frauen den MINT-Bereich wieder verlassen.
Die stille Reserve
Eine weitere Personengruppe, die zum ungenutzten Fachkräftepotenzial gehört, ist die sogenannte stille Reserve. Damit sind Personen gemeint, die nicht erwerbstätig und nicht arbeitslos gemeldet sind, aber grundsätzlich arbeiten möchten. Während österreichweit mehr Frauen als Männer dieser Gruppe angehören, ist der Geschlechterunterschied für Wien überschaubar (Frauen 30.000 vs. Männer 31.900). Das zeigt: In Wien haben Frauen tendenziell einen guten Zugang zum Arbeitsmarkt. Dennoch ist diese Gruppe ein wichtiger Hinweis auf Verbesserungspotenzial. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass insbesondere Frauen mit Migrationshintergrund und oder Betreuungspflichten bei veränderten Rahmenbedingungen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen würden.
Gleichstellung als Fachkräftesicherungsstrategie
Die Analyse macht deutlich, dass das Fachkräftepotenzial von Frauen in Wien vorhanden und messbar ist. Was fehlt, um dieses Potenzial zu aktivieren, sind die Rahmenbedingungen. Gleichstellung ist damit keine sozialpolitische Zusatzaufgabe, sondern eine essenzielle Fachkräftesicherungsstrategie. Wie kann dies also in die Tat umgesetzt werden?
Wien darf dieses Potenzial nicht vergeuden
Der Fachkräftebedarf wird Wien auch in Zukunft begleiten. Demografischer Wandel, Ökologisierung und Digitalisierung lösen tiefgreifende Veränderungen am Arbeitsmarkt aus, denen Wien proaktiv begegnen muss. Dabei liegt bisher ungenutztes Potenzial bei den Frauen am Wiener Arbeitsmarkt, das es für die Fachkräftesicherung zu heben gilt.
Stand 03/2026